Kunst-Freitag zwischen Ausdruck, Geschichte und Politik

Erst stehen die drei Tänzer still, unklare Klänge wabern durch den Raum. Einer schluckt, eine bewegt unauffällig die Schulter - fast unmerklich zucken erst Schultern, dann Oberkörper, bis sich die aufgestaute Energie über die Bühne entlädt. Mal tänzerisch, mal kriegerisch, mal lasziv wirbeln sie umeinander, mischen Folklore, Rave und modernen Tanz. Plötzlich bleiben die Tänzer stehen, kauen Pistazienkerne, spucken auf den Boden, einer fasst sich in den Schritt. Dabei sind die Blicke herausfordernd ins Publikum gerichtet. Das Projekt „Balkan Ballerinas“ tanzt zu balkanischer Identität und Vorurteilen. Zum Schluss übernehmen die Stimmen in rhythmischem Stakkato den Part der Musik, auf einer Tafel scheinen die Worte auf: „Resistance and Resilience - If you don´t want us, we want you“, übersetzt: „Widerstand und Resistenz - Wenn ihr uns nicht wollt, wollen wir euch“.

Die Performance eröffnet die vielfältigen Aktionen am Kunst-Freitag. Das Zeppelin Museum bietet Führungen durch die Ausstellung „Bild und Macht“, die sich mit Einsatz und Wirkung von Bildern in Politik, Propaganda und Geschichtsdeutung befasst. „Es ist unglaublich, wie sehr die Themen von 1930 auch die Themen von 2026 sind“, bemerkt ein Besucher. Nebenan ist im Kunstverein die Ausstellung „Copy of a Wall“ von Lin Olschowka zu sehen, gegenüber stellen sich im Kiesel Sikander Goldau und Juliane Sauter den Fragen des Publikums zu ihren Filmen und das Medienhaus am See präsentiert Kunst aus dem Bodenseekreis. Unter dem großformatigen Segeltuch von Linn Greten spielt das Jürgen Waidele Trio im Foyer Jazz, Pop und eigene Stücke.

Auch die Artothek ist geöffnet, einige Interessierte blättern in den Katalogen oder ziehen Kunstwerke aus den Regalen. „Wenn man einen Bibliotheksausweis hat, kann man hier für zwölf Wochen Original-Kunstwerke ausleihen“, erklärt Kathrin Lörcher vom Medienhaus. So solle Kunden ermöglicht werden, Kunst zu Hause zu erleben. Die 10 Euro Leihgebühr decken die Versicherung der Werke ab.

Im GPZ werden Besucher des Kunst-Freitags selbst kreativ

Zum ersten Mal beteiligt sich das Café City im GPZ am Kunst-Freitag. Hier hängen Bilder von Gabriele Wöllhaf aus Tettnang, voller Spannung und Überraschung, gestaltet in geometrischen Formen. Sie lädt ihre Gäste ein, mit Wachsmalstiften selbst kreativ zu werden. So entsteht auf einem Tisch ein neues Werk, mit Regenbogen, Blumen und einem schwarzen Vogel.

In einer Ausstellung im Kulturhaus Caserne blicken den Besuchern ernste Gesichter entgegen, ihre farbenfrohen Roben gemalt, mit Liebe zum Detail. Die Bilder spielen mit Vorder- und Hintergründen, Motive überlagern einander, Blumen und Bäume mischen sich ein und manchmal rückt eine Hand aus dem Off eine Halskrause gerade. Die 22-jährige Ida Kolodji-Traore wurde 2025 mit dem Förderpreis der Stadt Friedrichshafen ausgezeichnet. „Mein großes Thema sind Stoffe, Kleidung, welche Rolle Stoff und Kleidung in verschiedenen Kulturen spielen“, erzählt sie. Dazu gehören abstrakte Formen der Haute Couture ebenso wie gesellschaftliche Aspekte. Ihr Vater stammt aus Togo, ihre Mutter aus Deutschland und so denkt sie in ihren Bildern auch über Zugehörigkeit, Selbstbehauptung und Sozialgeschichte nach.

Austausch über Zukunft der Kultur in Friedrichshafen

In seiner Begrüßung zum Kunst-Freitag kündigt Oberbürgermeister Simon Blümcke an, dass das neue Kulturamt Vielfalt und Miteinander fördern werde: „Die Kultur in Friedrichshafen ist lebendig und wird es auch in schwierigen Zeiten bleiben.“ Anders als die „bürgerlichen Nachbarn“ Lindau, Ravensburg und Bregenz habe Friedrichshafen nicht nur ein kulturelles Zentrum, sondern mit Hochschulen und dem Kulturhaus Caserne weitere besondere Orte. Zur Caserne betont er: „Mit dieser Einrichtung haben wir ein kleines Juwel in der Stadt. Unsere Aufgabe ist es, auch in schwierigen Zeiten dieses Juwel zu entwickeln.“

Über die Zukunft der Kultur in der Stadt geht es auch bei einem Talk in der Zeppelin-Universität. Kulturamtsleiterin Anita Huhn will Räume öffnen, Vernetzung fördern und Synergien schaffen: „Wir wollen die Identität, die das Kulturufer in die Stadt bringt, auf den Rest des Jahres übertragen.“ Um die Häfler häufiger in ihr Haus zu locken, plant Silvia Rückert, Direktorin des Zeppelin Museums, Beteiligungsformate: „Was könnte die Friedrichshafener begeistern, was möchten sie im Museum sehen, wie soll das Museum der Zukunft aussehen?“

Am 39. Kunst-Freitag waren an neun Orten der Stadt kostenlos Gemälde, Filme und Fotos zu sehen, Musik zu hören und Diskussionen zu verfolgen. Institutionen von der Artothek im Medienhaus am See über den Verein Jazzport bis zur Zeppelin-Universität beteiligen sich unter Federführung der Stadt. Mit dem Kunst-Bus des studentischen Kulturvereins „Der Raum“ konnten Besucher zwischen den Veranstaltungsorten pendeln.

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