Zweite Chance auf Glück – 45 Kinder wachsen in Konstanz in Pflegefamilien auf

„Papi! Können wir mit denen hier spielen?“, ruft die Siebenjährige ausgelassen und zeigt auf die Tennisschläger. Sie können. Der Ball fliegt ein paar Mal zwischen Papi und ihr hin und her an diesem kühlen Frühlingsabend am Konstanzer Hörnle, dann braucht sie eine Pause. „Papa! Ich muss aufs Klo.“ Papa, der bisher die Szene an einem Baum lehnend beobachtet hatte, nimmt das Kind an der Hand.

Papa ist Frank, und Papi ist Andreas, das war von Anfang an so. Die Geschichte der Familie beginnt vor etwa zehn Jahren in und bei Düsseldorf. Dort leben Frank und Andreas König und sind sich einig, dass ihre Beziehung durch Kinder bereichert würde. Ein Gespräch beim Jugendamt ergibt, dass die Aussicht auf eine Kindesadoption in Deutschland gering ist. Ob die Männer sich auch einen Alltag als Pflegeeltern vorstellen könnten? Sie informieren sich, absolvieren die geforderten Qualifizierungen – und warten.

Als es zu lange dauert, wenden sie sich an ein Jugendamt in einer benachbarten Stadt. Und das hat Bedarf. „Die Kleine war damals fünf Monate alt“, erklärt Frank König. Am 11. November 2016 halten sie das Baby erstmals im Arm, am 30. Dezember zieht es bei ihnen ein. „Es war ungewöhnlich, so viel Zeit nur mit dem Baby zu verbringen – erst ohne Familie und Freunde“, erinnert sich Frank, der Elternzeit nimmt. Schnell sind die drei ein eingespieltes Team.

Ein zweites Mädchen macht die Familie komplett

Nach zehn Jahren hat sich vieles verändert. Die Familie ist inzwischen nach Konstanz umgezogen; 2019 nehmen die beiden Männer ein weiteres Baby mit elf Monaten auf. Auch das zweite kleine Mädchen gewöhnt sich rasch ein, und da die Umgangskontakte mit der leiblichen Mutter nur unregelmäßig stattfinden, stimmt das Jugendamt einem Umzug an den Bodensee zu.

Bei aller Erfahrung der Familie gibt es auch schwierige Phasen: Ein paar Jahre lang schläft das jüngere Mädchen nicht gut und nie durch, wacht nachts auf und weint. Autofahrten lehnt es schreiend ab, warum, wird nie so ganz klar. Das größere Mädchen wird neuerdings schnell wütend und hat Konzentrationsprobleme. All das sind Folgen der Traumatisierung, die die Kinder bis zur und kurz nach der Geburt und durch den Wechsel der Bezugspersonen erlebt haben.

Pflegefamilien in Konstanz

Es gab 35 Inobhutnahmen durch das Jugendamt – beziehungsweise 41, wenn man die Aufgriffe unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge mitzählt.

Die Gründe reichen vom Ausfall der Eltern wegen schwerer Krankheit bis zu einer Situation, die einen Verbleib bei den Eltern nicht mehr zulässt, etwa bei einer Suchterkrankung der Eltern oder bei Gewaltanwendung.

Verheiratete oder unverheiratete Paare, mit und ohne eigene Kinder, oder Alleinstehende. Durch die Aufnahme des Pflegekindes sollte keine beengte Wohnsituation entstehen. Die finanzielle Basis sollte stabil sein. Eine Pflegefamilie muss zur Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern und dem Jugendamt bereit sein und an Fortbildungsveranstaltungen teilnehmen.

In den schwierigeren Phasen sind Pflegeeltern mit all ihren Fähigkeiten gefragt. Pflegekinder brächten durch das bis dahin Erlebte häufig rätselhafte Verhaltensweisen mit, die erst verstanden werden wollen, schreibt Miriam Burkhardt von der Pressestelle der Stadt Konstanz. Es sei gut, wenn Pflegeeltern in schwierigen Situationen gelassen reagieren und bereit sind, fachliche Beratung anzunehmen. Vor allem bei Kindern, die spät in eine Pflegefamilie wechseln, können sich die Auffälligkeiten häufen. Doch auch Babys, die direkt nach der Geburt in Obhut genommen werden, durchleben später Phasen, in denen sie Belastendes verarbeiten.

Nur ein Kind hat Kontakt zur leiblichen Mutter

Was Frank und Andreas rasch lernen: Ihre Pflegetöchter reagieren unterschiedlich auf ihre Geschichte. Die Siebenjährige zeigt im Moment kaum Probleme. Einmal im Monat telefoniert sie mit ihrer leiblichen Mutter, gelegentlich gibt es einen Besuch. Die Fremdheit bleibt dennoch groß. Das ältere Mädchen hat diese Möglichkeit nicht. Seine Konzentrationsprobleme können durch Psychotherapie und Medikation deutlich gelindert werden.

„Geduld, Liebe, Zuversicht, Selbstbewusstsein und Mut, sich auf Neues einzulassen“ – das sind die Eigenschaften, die Pflegeeltern mitbringen müssten, heißt es aus dem Jugendamt. Aktuell sei der Bedarf an Pflegefamilien höher als die Anzahl der zur Verfügung stehenden Familien. Bei Interesse kann man sich beim Fachdienst Pflegekinder melden: unter E-Mail Judith.Becirovic@konstanz.de oder christine.fischer@konstanz.de.

Die beiden Mädchen, die am Hörnle die nachmittägliche Sonne ausgenutzt haben, sind vom Spielen müde geworden. Die Ältere kommt vom Klettergerüst und stellt klar, dass sie Hunger hat. Es wird kühler. Kleines Jammern, ein Ansatz von Geschwisterrivalität – dann sind alle bereit, die Sachen zu packen und zum letzten und friedlichsten Abschnitt des Tages überzugehen.

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78467 Konstanz Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

Andreas König Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis


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