365 zermürbende Tage: Wie Kanzler Friedrich Merz um seine Macht ringt

Als Friedrich Merz nach dem sonntäglichen „Tatort“ bei Caren Miosga spricht, zieht der Kanzlerbonus. 2,8 Millionen Zuschauer haben eingeschaltet, als er über sein erstes Jahr als Chef der Bundesregierung Resümee zieht. Das war der beste Wert seit zwei Monaten für die Sendung in der ARD. In der rauen Wirklichkeit der Politik ist der Kanzlerbonus weg, nach einem Jahr an der Macht hat sie sich aufgelöst in einer Säure aus der erbarmungslosen Neuordnung der Welt und mühseligen Reformdebatten in einem gereizten Land. Nicht einmal für eine kleine gemeinsame Feierstunde reicht der gute Wille bei den Regierungsparteien CDU, CSU und SPD an diesem Jahrestag.

Dabei ist Merz da, wo er immer hinwollte, als er 1994 in den Bundestag einzog. Doch zufrieden, glücklich oder kraftstrotzend wirkt er nicht. Nicht in dieser Fernsehsendung und auch nicht im politischen Alltag. Wo ist der Friedrich Merz hin, der als Oppositionsführer der Ampel-Regierung zurief: „Sie können es nicht“? Der Friedrich Merz, der klare Ansagen machte, um die Wirtschaft dieses Landes wieder in Schwung zu bringen. Führung von vorn und auf 1,96 Meter.

Angela Merkel hat bis heute Zweifel an Friedrich Merz

Seine ewige Rivalin und Amts-Vorvorgängerin Angela Merkel hat bis heute ihre Zweifel an der Eignung des Sauerländers für das mächtigste Amt der Republik. Sie hält ihn für zu impulsiv, zu wenig bedacht. Aber sie bescheinigte ihm doch immerhin öffentlich, den unbedingten Willen zur Macht zu haben, den es braucht, um ganz nach oben zu kommen. Doch, was tut man, wenn man oben ist? Für Merz ist oben schwer. Im ersten Teil der Sendung sehen die Zuschauer einen zurückhaltenden, zerknirschten Bundeskanzler, der sichtlich darum ringt, die Bilanz seiner Regierung im ersten Jahr zu verteidigen.

Es läuft nicht. Die großen Reformen rollen erst ein Jahr nach Übernahme der Amtsgeschäfte an. Der Herbst der Reformen verstrich und der Frühling entfaltet keine Wonne. Die Arbeit an der Sanierung des morschen Staatsgehäuses entzweit die Koalitionäre, während die Wirtschaft nicht in die Gänge kommt.

Täglich motzen Konservative über Sozialdemokraten und andersherum. Der Chef des Unions-Wirtschaftsflügels im Bundestag erklärt öffentlich, dass das Regierungsbündnis keine vier Jahre halten werde, während die SPD-Arbeitsministerin bei der Mai-Kundgebung Kürzungen am aufgeblähten Sozialstaat als menschenverachtend und zynisch geißelt. Da arbeitet keine Einheit, vereint in der Einsicht in die Notwendigkeit, dass dieses Land Anschluss und Anspruch verloren hat. „Wenn wir uns auf Kompromisse zuquälen, anschließend mit schmerzverzerrtem Gesicht der Öffentlichkeit erklären, mehr war jetzt nicht drin, kann man nicht erwarten, dass uns die Öffentlichkeit folgt und mit Freuden zustimmt“, sagt der Kanzler im Beichtstuhl des Fernsehstudios.

Wähler üben Kritik an der Bundesregierung

Die Wählerinnen und Wähler selbst haben wenig Hoffnung, dass sich das bis zum Ende der Wahlperiode ändert. Merz ist der unbeliebteste Kanzler in der Geschichte der........

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