Demokratie in Gefahr? Drei starke Frauen wollen junge Menschen für die Werte begeistern

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein gemeinsames Projekt auf den Weg zu bringen?

BECKER: Als Katrin und ich uns kennenlernten, haben wir gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Schnell sind wir auf das Thema Demokratie gekommen und dass man an den Werten arbeiten und dies deutlich kommunizieren muss. Wir haben uns überlegt, was wir gemeinsam unternehmen könnten.

KLODT-BUSSMANN: Als IHK Hochrhein-Bodensee betreuen wir im ganzen Kammergebiet aktuell circa 5800 Ausbildungsverträge.

BECKER: Und das ist eine Gruppe, an die wir so nicht rankommen. Wir haben uns die Frage gestellt: Wie können wir demokratische Werte an junge Menschen ranbringen. Und ich habe sofort Romana Lautner, verantwortlich für das Junge Theater, an Bord genommen.

KLODT-BUSSMANN: Wir haben uns überlegt, was wir tun können, um die Demokratie zu fördern, mit dem Ziel, gleichzeitig Bildung für unsere Fachkräfte und eine offene Unternehmenskultur zu fördern. Es war schnell klar, dass es um eine Auseinandersetzung mit demokratischen Werten und um die Wahrnehmung von verschiedenen Realitäten gehen muss. Und wo werden Themen gut aufgezeigt, wo wird inspiriert? Im Theater. Unser Projekt ist nicht die eine Lösung für den Demokratieerhalt, aber ein Baustein und Pilotprojekt für die gesamte Kammerregion.

Ist es nicht mehr gut um das Demokratieverständnis der jungen Menschen bestellt?

KLODT-BUSSMANN: Demokratie ist für viele junge Leute selbstverständlich. Die Bedeutung des Rechtsstaates hatten sie mal kurz im Unterricht, aber im Alltag präsent sind die Themen selten. Das Interesse wäre geweckt, wenn Demokratie nicht funktionieren würde. Ich denke an zwei ausländische Studentinnen, die in Deutschland Wirtschaftsrecht studiert haben. Sie waren so wissbegierig, was freiheitliche Werte und Grundrechte anbelangt, weil all das für sie nicht selbstverständlich war.  

BECKER: Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass wir in einer Demokratie leben.

KLODT-BUSSMANN: Populisten haben Aufschwung bekommen. Jetzt ist die Frage, wie schützen wir unsere Demokratie. Es ist wichtig, dass man sich mit diesen Themen beschäftigt.

Und wie schützt man die Demokratie?

BECKER: Wir müssen Sprache nutzen, aber nicht aggressiv. Und wir haben Menschenpflichten, das ist inzwischen mein Lieblingswort, geprägt hat es die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann.

Was verstehen Sie unter Menschenpflichten?

BECKER: In einer Demokratie haben wir Bürger nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten: Sich informieren, wählen gehen, sich einbringen in die Gesellschaft, politisch oder ehrenamtlich. Teilhabe gehört dazu, ebenso Zuhören!

Warum engagieren sich relativ wenige junge Menschen im politischen Kontext?

LAUTNER: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Sie engagieren sich vielleicht weniger festgelegt in politischen Parteien, aber Mitgliedschaften in Initiativen oder Teilnahme an Demonstrationen zeigen das politische Interesse.[BF1]  Aber oftmals haben sie das Gefühl, sowieso nicht gehört zu werden. Es gibt viel mehr ältere Menschen, da werden die Jungen oft übergangen und bekommen daher das Gefühl, nicht wirksam zu sein. Aber sobald es um etwas Konkretes geht, sobald ihnen wirklich zugehört wird und es eine Rolle spielt, was sie sagen, engagieren sie sich auch.

Ich habe das Gefühl, in unserer Gesellschaft reden die Menschen viel und gerne, aber das Zuhören scheint verloren gegangen.

BECKER: Die ganze Streitkultur ist verloren gegangen. Beim Abendbrot haben wir früher immer heftig diskutiert. Mein Vater wollte ein Auto bestellen, ich Bäume pflanzen. Wir haben Argumente ausgetauscht, zugehört, Pause gemacht, nachgedacht. Andere haben in der Kneipe diskutiert. Das ist leider fast verloren gegangen.

Macht Social Media dem intelligenten Disputieren den Garaus?

BECKER: Dort werden keine Argumente ausgetauscht. Es fängt sofort eine Verrohung an. Und die Verrohung der Kommunikation ist nicht auf Social Media allein beschränkt.

Sie zeichnen ein düsteres Bild. Gibt es auch positive Beispiele?

KLODT-BUSSMANN: Ich habe mich am Wahlsonntag total gefreut. Mein siebzehnjähriger Sohn hat sich vorher informiert, ist stolz wählen gegangen und hat abends mitgefiebert. Das gibt es auch.

BECKER: Ich war Wahlhelferin. Es war schön zu sehen, wie viele Eltern ihre Kinder begleitet haben. Es ist wichtig, die Jugend heranzuführen, erklären, zeigen, Fragen beantworten, zuhören.

LAUTNER: Das kann man aber nicht nur den Familien überlassen.

Starten Sie deshalb das Pilotprojekt „Demokratie-Teilhabe-Theater“?

KLODT-BUSSMANN: Ja, denn wir wollen, dass die jungen Leute nicht nur fachlich gut ausgebildet sind.  Verantwortungsbewusste Fachkräfte zeichnet ein reflektiertes Verständnis aus, wie man sich miteinander und auch mit Konflikten auseinandersetzt. Für die Wirtschaft brauchen wir eine funktionierende Gesellschaft als Basis – und umgekehrt, Bildung und Kultur gehören unabdingbar dazu, damit man bei sich stehende Menschen hat, die behutsam und verantwortungsbewusst sind. Arbeitgeber können im Projekt unterschiedliche Module für ihre Auszubildenden buchen.  

BECKER: Der Arbeitgeber bezahlt, das ist mir wichtig, denn die meisten jungen Menschen haben das Geld nicht oder möchten es natürlich für anderes ausgeben.

Welche Module gibt es?

LAUTNER: Es ist eine Mischung. Unsere Auszubildenden machen zum Beispiel eine Führung durch das Theater, schließlich werden hier 54 Berufe vereint. Dann gibt es natürlich auch Werkzeuge für das Demokratieverständnis.

LAUTNER: Unser Theaterpädagoge Denny Renco bietet Workshops zur Konfliktlösung, eine ganz spannende Sache. Azubis bringen Konflikte, spielen das vor, dann wird die Szene gestoppt und alle überlegen, wie könnte die Lösung des Konflikts aussehen. Ein spielerischer, leichter Ansatz.

Wie offen sind die Jugendlichen?

LAUTNER: Erstaunlich offen und sehr wissbegierig. Der Workshop kommt sehr gut an. Ein Betrieb hat schon gesagt, dass er das für die Führungsebene haben möchte. Außerdem gibt es den Workshop zum Demokratieverständnis, dafür haben wir einen externen Trainer für politische Bildung. Dieser Workshop ist sprachbasierter, aber die Jugendlichen waren sehr konzentriert dabei.

Hört sich noch sehr theoretisch an. Können Interessierte auch mal reinschnuppern?

KLODT-BUSSMANN: Natürlich. In der IHK-Impulswoche stellen Denny Renco und Romana Lautner das Projekt Demokratie-Teilhabe-Theater am Mittwoch, 29. April, um 14 Uhr vor. Der Termin findet online statt. Eine Anmeldung ist über unsere IHK-Website www.ihk.de/konstanz möglich. Und bei unserem Tag der offenen Tür am 13. September wird Denny Renco den Workshop anbieten, damit man das mal ausprobieren kann.

BECKER: Und bei unserem Theaterfest am 19. September ist die IHK mit einem Stand dabei, und zwar genau neben dem Stand unserer Azubis.

Ist Theater wichtig für die Demokratie?

KLODT-BUSSMANN: Ja, denn Theater schafft Verständigung und Perspektivwechsel – man setzt sich automatisch mit demokratischen Werten auseinander. In einer Demokratie ist es wichtig, sich Informationen zu holen, auf deren Grundlage man Entscheidungen treffen kann. Es ist eine Holschuld, sich zu informieren. Theater ist eine der lebendigsten und einladendsten Formen, diese Eigenschaft zu entwickeln und zu leben; ein Baustein, der jungen Leuten den Zugang und idealerweise den Austausch über ein Thema in Gemeinschaft ermöglicht.

BECKER: Das Tollste war für mich die Premieren-Klasse bei Faust. Alle Jugendlichen hatten sich richtig hübsch gemacht. Ein Junge sagte anschließend zu seinem Klassenkameraden: Alter, morgen kaufe ich mir das Reclam-Heft und lese das Original. Da war ich glücklich und schwebte drei Tage über dem Boden. Es ist schön, wenn man eine Geschichte erzählt, gesellschaftliche Themen anspricht, zum Denken anregt und hinterher diskutiert wird.

LAUTNER: Da holen wir die Leute kurz raus aus ihrer Ichbezogenheit und laden ein, andere Perspektiven einzunehmen. Dazu das sinnstiftende Gefühl, wenn lebendige Menschen für einen spielen, und man fühlt und lacht gemeinsam, da hat man eine Verbindung zu den Menschen.

Ist das der Grund, warum auch Vorstellungsbesuche zu den Modulen des Pilotprojekts gehören?

KLODT-BUSSMANN: Ja, denn es ist gut, wenn junge Leute andere kennenlernen, eine Meinung haben und sich über ein Thema unterhalten. So fangen sie an, teilzuhaben. Bildung ist eine Grundlage für unsere Gesellschaft.

LAUTNER: Sie werden auch nicht allein gelassen. Es gibt nach der Vorstellung eine Nachbesprechung. Da dürfen sie sagen, wie es ihnen gefallen hat.  Wir schätzen das ehrliche Feedback und können auch Kritik aushalten.

Was mussten Sie schon aushalten?

LAUTNER: Dass sie nichts aus der Wirklichkeit sehen wollen, sondern eher was Fantastisches. So etwas sagen sie aber auch nur, wenn man die entsprechende Atmosphäre schafft, in der sie sich wohlfühlen.

Wie steht es um die Demokratie in Deutschland?

BECKER: Ich mache mir Sorgen. Was mich sehr beschäftigt: Jede Lösung wird sofort schlechtgeredet. Es wird nicht mehr hingeschaut, ob sie doch gut sein könnte, wenn sie von einer anderen Partei als der eigenen kommt. Stattdessen werden zukunftsorientierte Ideen zertrampelt, wodurch ein toxisches Gift in der Gesellschaft entsteht. Das Schlechtreden muss aufhören und man muss auch mal zurückstecken können zum Wohle der Gesellschaft.

Ist Demokratie eine ernste Angelegenheit?

BECKER: Demokratie darf Freude und Spaß machen. Das ist kostbar.

KLODT-BUSSMANN: Neue Menschen, neue Perspektiven kennenlernen. Das ist Leben für mich. Und wir wollen mit diesem Projekt junge Menschen neugierig machen, damit sie fragen und hinterfragen.

LAUTNER: Und das Gefühl von Wirksamkeit bekommen.

BECKER: Dazu gehört auch, dass man Verantwortung übernimmt.

Die Gesprächspartnerinnen

Katrin Klodt-Bußmann ist seit Januar 2024 Hauptgeschäftsführerin der IHK Hochrhein-Bodensee. Karin Becker ist seit der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Theaters Konstanz.Romana Lautner ist seit der Spielzeit 2020/2021 als Dramaturgin am Theater Konstanz, seit 2022/2023 ist sie zudem Leiterin des Jungen Theaters.

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