Warme Mahlzeiten und gelebte Solidarität

Wenn sich zur Mittagszeit der Paul-Gerhardt-Saal im evangelischen Gemeindehaus füllt, treffen hier ganz verschiedene Menschen aufeinander, vereint durch ein warmes Essen und offene Gespräche. Bis zum 22. März hat die Meßkircher Vesperkirche noch geöffnet.

Pfarrerin Anja Kunkel erläutert mir im Voraus das Konzept der Vesperkirche. Unter dem Motto ,,Alle an einem Tisch’’ soll Bedürftigen nicht nur eine kostenlose warme Mahlzeit geboten werden. Es geht auch darum, für Gemeinschaft zu sorgen und Menschen zu verbinden, die sich sonst nie kennenlernen würden. Zusätzlich gibt es verschiedene kulturelle Veranstaltungen, Beratungsangebote und jeden Tag um 14 Uhr eine ökumenische Andacht. „Mittlerweile haben wir ein großes Netzwerk mit der Caritas, Tafel und Nachbarschaftshilfe aufgebaut, was hilft, die Menschen zu erreichen“, sagt Kunkel. „Gerade wirklich Bedürftige erfahren sonst gar nicht erst von uns.“ Besonders wichtig findet sie außerdem, dass die Gäste bedient werden. So kommen auch diejenigen, die nicht in ein Restaurant gehen können, in den Genuss, umsorgt zu werden.

Ein bunt gemischtes Helferteam

Für die Helfer startet der Tag um 10.30 Uhr mit einer Teambesprechung und einem gemeinsamen Gebet. Insgesamt 60 Freiwillige unterstützen die Meßkircher Vesperkirche, jeden Tag sind rund zwölf Freiwillige im Einsatz. Das Team ist heute bunt gemischt, manche haben schon Routine, andere sind wie ich zum ersten Mal im Einsatz. Für Ema ist es heute der zweite Arbeitstag, sie hat über das Amtsblatt davon erfahren, dass Freiwillige gesucht werden. Ehrenamtlich tätig zu sein, ist für sie allerdings nichts Neues. Regelmäßig macht sie Geburtstagsbesuche für die katholische Kirche.

Anfangs stehe ich an der Tür, um die Besucher zu begrüßen. Es ist wichtig, dass jemand das macht, wird mir im Voraus erklärt. Damit möchte man Gästen, die zum ersten Mal kommen, die Hemmung nehmen und ihnen das Ankommen erleichtern. Auch ich erfahre hier viel Dankbarkeit der Besucher. Wer den Saal nicht ohnehin schon mit einem Lächeln betritt, verlässt ihn spätestens mit einem. Die ersten Gäste kommen bereits morgens, um einen Kaffee zu trinken. Ab 11.30 Uhr gibt es dann ein warmes Mittagessen. Heute stehen Schweinekoteletts sowie als vegetarische Option Falafel mit Nudeln und Gemüse auf dem Speiseplan. Unter der Woche kommt das Essen von der Metzgerei Knoll, am Wochenende wird es von der Caritasküche aus Ostrach geliefert. Selbstgebackene Kuchen gibt es für den süßen Hunger im Anschluss. ,,Die Kuchentheke ist ein absoluter Traum’’, schwärmt eine Besucherin.

Rekordzahl von 133 Portionen

Noch vor 12 Uhr ist der Saal bereits so voll, dass ein weiterer Raum geöffnet werden muss, niemand soll nach Hause geschickt werden. Jetzt wird es dann auch kurz stressig: Einen Teller nach dem anderen trage ich raus, Getränke müssen nachgereicht und dreckiges Geschirr wieder flott abgeräumt werden, sodass neue Gäste Platz nehmen können. Insgesamt 133 Portionen werden an diesem Mittwoch ausgegeben, ein neuer Rekord. Das Angebot wird generell gut angenommen, die Kapazitäten sind aber erreicht, erfahre ich.

Zwischendurch hält die Teamleitung eine kurze Ansprache und macht auf das Beratungsangebot am Mittwoch aufmerksam. Heute ist eine Ansprechpartnerin der Caritas-Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer und der katholischen Schwangerschaftsberatung im Haus. An anderen Tagen steht die Beratungsstelle für häusliche Gewalt oder der gemeindepsychiatrische Dienst für Gespräche zur Verfügung. ,,Zu Einzelberatungen bei uns vor Ort kommt es selten‘‘, erzählt mir die evangelische Pfarrerin. Aber die Angebote seien definitiv Türöffner und oft werde im Nachhinein der Kontakt aufgenommen.

Menschen in verschiedensten Lebenslagen kommen bei der Vesperkirche zusammen. Viele kommen regelmäßig, manche täglich und einige sind heute zum ersten Mal hier. So auch die 69-jährige Angelika Schoch. Als sie den Saal betritt, ist sie noch etwas unsicher und aufgeregt. Später frage ich sie, wie es ihr gefallen hat. ,,Spitzenmäßig“, antwortet sie mit strahlendem Gesicht. Vor allem von der Tatsache, dass sie wie in einem Restaurant bedient wurde, war sie begeistert. Das kenne sie sonst gar nicht mehr. Als alleinstehende Witwe fehle ihr die Gemeinschaft sehr, solche Veranstaltungen seien großartig, um neue Leute kennenzulernen und Gespräche zu führen, sagt sie. Sie möchte auf jeden Fall wieder kommen.

Viele Besucher integrieren das Mittagessen ganz selbstverständlich in ihren Alltag. Eine Besucherin erzählt: ,Das passt perfekt in meine Mittagspause.“ Drei Frauen aus Meßkirch, die sich aus der Seniorengymnastik kennen, kommen nach dem gemeinsamen Sport zum Essen vorbei. Einen weiteren Weg auf sich genommen haben ihre Tischnachbarn, zwei Freunde, die aus Konstanz angereist sind. Seit Januar besuchen sie alle möglichen Vesperkirchen, die mit dem Deutschlandticket zu erreichen sind. Ravensburg, Friedrichshafen, Singen, Calw, Sigmaringen, Nagold und Ulm haben sie schon besucht. Meßkirch sei ihre letzte Station und die kleinste, aber gemütlichste Vesperkirche. Diese Touren machen sie so schon seit ein paar Jahren und schauen sich dann immer noch die Gegend an, in Meßkirch war es das Schloss. ,,Vesperkirchentourismus’’ nennen die beiden das scherzhaft.

Als um 14 Uhr die Andacht mit Pfarrer Andreas Sturm beginnt, ist der Saal beinahe leer. Jetzt heißt es: Aufräumen und wieder alles für den nächsten Tag vorbereiten. Einige der Freiwilligen werden morgen wieder dabei sein, Kaffee ausschenken, Essen ausgeben und viele nette Gespräche führen.

Am Sonntag hat die Vesperkirche ein letztes Mal geöffnet, dann sind neun Tage schon wieder vorbei. Kulturelle Veranstaltungen waren ein Teil des Angebots. So hielt Autorin Birgit Rückert eine Lesung, in der sie ihren historischen Kriminalroman ,,Der Abt von Salem – Im Bann der Medici‘‘ vorstell. Am Samstag, 21. März, singt um 19 Uhr der Regenbogenchor Wald. Der Name steht für das abwechslungsreiche und bunte Programm, das an diesem Abend in der Heilandskirche zu erwarten ist.

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