Allensbach-Chefin Köcher warnt: „Glaube, dass nicht allen bewusst ist, wie groß die Risiken sind“

“Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht”, dichtete Heinrich Heine einst. Wenn Sie an Deutschland heute denken, schlafen Sie dann noch gut?

RENATE KÖCHER: Ich schlafe meistens gut. Aber ich denke nachts auch nicht unbedingt an Deutschland...

In welcher Verfasstheit ist denn unsere Republik?

KÖCHER: Jeder weiß, dass wir vor enormen Herausforderungen stehen, weil wir wichtige Dinge lange Zeit vernachlässigt haben. Die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest zu machen wie auch das Gesundheitswesen, die Infrastruktur modernisieren, die Verteidigungsfähigkeit sicherstellen. Dazu kommen die schwierigen internationalen Entwicklungen – der neue Kurs Amerikas gerade auch in Bezug auf Europa, die Aggression Russlands, die wachsende Konkurrenz durch China, die internationalen Spannungen. Ich glaube, dass noch nicht allen bewusst ist, wie groß die Risiken wirklich sind. Alles spricht dafür, dass wir anstrengende Jahre vor uns haben.

Bleiben wir bei den innenpolitischen Herausforderungen, die Sie genannt haben. Da gibt es ja kein Erkenntnisdefizit, aber es wird nicht umgesetzt. Woran liegt das?

KÖCHER: In einigen Feldern sind schon Fortschritte zu erkennen. Bei der Digitalisierung werden wir in dieser Legislaturperiode vorankommen wie auch bei der Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, teilweise auch beim Abbau von Bürokratie und bei der Modernisierung der Infrastruktur und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Aber das braucht Zeit, nachdem man vieles so lange hat schleifen lassen. Schwieriger ist es, bei der Reform des Rentensystems mit dieser Koalition voranzukommen, da tut sich insbesondere die SPD schwer. Und es fehlt auch der Mut, aus Sorge vor den Reaktionen der Wähler. Die sind jedoch mit überwältigender Mehrheit überzeugt, dass eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit kommen wird. Man kann bei dem Thema Lebensarbeitszeit eine Menge machen, vor allem, wenn man das flexibel anlegt und Wahlmöglichkeiten schafft. Die Leute mögen es, die Wahl zu haben.

Woher kommt diese Scheu, der Bevölkerung reinen Wein einzuschenken?

KÖCHER: In der Demokratie sind Politiker von der Zustimmung der Bevölkerung abhängig und das macht Entscheidungen oft schwieriger, weil zu viele Rücksichten genommen und mühsam Kompromisse gesucht werden. Aber die Politik unterschätzt auch teilweise die........

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