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Ich richte, also bin ich – über den Boulevard, den Tod und toxische Netzwerke

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14.02.2021

"Ihr habt mir mein Kind genommen." Was für ein unglaublich trauriger Satz. Gepostet von der Frau, deren Tochter sich vor wenigen Tagen das Leben genommen hat. Mutmaßlich. So wie in dieser bedrückenden Geschichte Mut- und Anmaßung durchweg wie böse Zwillinge Hand in Hand gingen. "Ihr habt mir mein Kind genommen" – eine Anklage an eine amorphe Täterschar. Ein bitterer Epilog auf Instagram. Dem Ort, wo alles begann.

Was war geschehen?

Im Grunde genommen nichts Ungewöhnliches. Zwei junge Leute haben sich verliebt, waren glücklich, dann unglücklich, schließlich haben sie sich getrennt. Nichts, was nicht jeder zwischen Altbauwohnung und Doppelhaushälfte aus dem persönlichen Umfeld kennt. Das große Unglück beginnt damit, dass die Hauptfiguren in dieser Tragödie es gewohnt waren, ihr Intimstes mit der Öffentlichkeit zu teilen. Das Schöne. Und das Schäbige.

Trennungen sind selten schön und oft eine Aneinanderreihung gegenseitiger Verletzungen. Bei Privatpersonen ist der Beschädigungsspielraum naturgemäß begrenzt. Da, wo der öffentliche Raum stets als Rückkoppelung mit dem Ich genutzt wurde, gedeiht der fatale Gedanke, das Ansehen des Verletzers zu beschädigen. Während dieser wiederum glaubt, das eigene Image dadurch korrigieren zu können, indem er seinerseits zurück diskreditiert. Ein blindes Tasten nach scharfen Gegenständen. Die der Boulevard nur zu gerne reicht. Offenherzig bieten zahllose Boulevardmedien Plattformen, um als falsche Freunde Sprachrohr zu sein und Beichten abzunehmen, die man bei klarem Verstand niemals laut sagen würde. Aber wer verletzt ist, sieht nicht klar. Wer verletzt ist, will verletzten. Es wird sich gewehrt und zurück gewehrt – und das alles coram publico.

Boulevard ist Treibsand. Du sinkst immer tiefer, je heftiger du trittst.

Und so geraten die Hauptakteure in eine Art Schauprozess. Es werden Aussagen aufgenommen, Zeugen angehört, Schlussplädoyers gehalten, die dann doch mit jedem Tag wieder und wieder um ein neues Zitat angereichert werden. Bis sich alle bombenfest in ihre neue Rolle hineingeschraubt........

© stern


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