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DUBAI sein ist alles (CoVid21-Remix)

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05.01.2021

Reisen ist der Moment, wenn aus Vorurteilen Empirie wird. Von Dubai zum Beispiel hatte ich jahrelang eine wahnsinnig schlechte Meinung. Bis ich einmal dort gewesen bin. Seitdem finde ich dieses Disneyland für Schulabbrecher wirklich rückstandslos beschissen.

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer

(Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Dabei muss man Geissen-Island, wo die Simplen aus der Unter- und Oberklasse eine schlecht bestrasste Schnittmenge bilden, durchaus gewisse Fähigkeiten zubilligen. Ist Instagram der unbestritten dümmste Ort des Internets, so wird es jedes Jahr im Winter durch zahllose Posts aus ebendiesem Bling Bling-Kalifat noch einmal eine ganze Terz trauriger. Zumal in diesem Jahr auch noch eine ganze Portion Schuldkomplex dazukommt. Beim Anblick dieser dokumentierten Dekadenz empfinden viele Insta-Gram. "Wie kann man in diesen Zeiten so unsolidarisch sein und REISEN!" Ein Vorwurf, dessen geistige kleine Schwester die Frage ist, wie der Schlüter von nebenan sich das teure Auto leisten kann. Aber halt eben aufgeladen mit einer guten Portion virologischer Überlegenheit.

Berechtigter ist da schon die Frage, wie man so dumm sein kann, das dann auch noch zu posten. Aber manche mögen das ja, wenn eine Koterosion die Kommentarspalten flutet. Die beeindruckend arglose Cathy Hummels durfte sich für ihre, hüstel, Dienstreise dorthin im Netz bereits ihren halbwöchentlichen Shitstorm abholen. Gut, "Kritik im Netz" hätte es auch gehagelt, wenn sie sich bei einem Teller Kohlrouladen in einer Küche in Dortmund-Bodelschwingh hätte erwischen lassen. Das Argument, dass man den humpelnden Iltis als sonnengrüßenden Yoga-Move für das Fitness-Video nur im arabischen Klima unfallfrei ausführen kann, ist jedenfalls recht dünn. Virologisch scheint Dubai unbedenklich. Corona ist hier offenbar so wenig Thema wie Menschenrechte oder guter Geschmack.

Und wenn Sie sich immer schon gefragt haben, was all diejenigen, die fürs neue iPhone oder neue Yeezies vorm Laden pennen, am Black Friday die Malls stürmen, sonst noch für Sehnsüchte haben: Et voilà. There you have it: Dubai it is. It's That Time of the year! Anfang Januar werfen die Menschen die Bäume aus dem Fenster – manche schmeißen die Restwürde gleich noch fröhlich hinterher. Was um alles in der Welt muss in jemanden fahren, dass er sich allen Ernstes dafür entscheidet, Lebenszeit und, ja, Geld zu investieren, um dorthin zu fliegen und tatsächlich dort Urlaub (!) zu machen?

Ich kenne Flugbegleiterinnen, die sechs Wochen Lockdown vorziehen, anstatt in Ausübung ihres Berufes nur ein paar Stunden in dieser gehypten Buddelkiste verbringen zu müssen. Klimatisch ist es schon schlimm. Die Luftfeuchtigkeit hat mehr Prozent als die Männerquote, und das will was heißen. Die Sinne indes werden einfach nur noch stumpf gekeult. Vor allem unter Profifußballern scheint es ein unausgesprochener Ehrenkodex zu sein, Sekunden nach dem Abpfiff des letzten Hinrundenspiels die Louis Vuitton-Koffer zu packen, die tätowierte Cora Schumacher-Replikantin aus dem APROPOS-Store zu zerren, um mit Tiler-Miguel, Iron Maik, Dijon-Delaney und den anderen, die Papa eigentlich........

© stern


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