Kann ich bitte jemand anders sein?
Lange her, aber die Szene ist unvergesslich. Es war im Schwimmbad, ich war zwölf Jahre alt, meine Cousine Tini zwei Jahre älter. Wir hatten den gleichen Badeanzug: pink mit blauen Rändern. Neben uns hockten ein paar ältere Jungs auf ihren Handtüchern und alberten herum. Interessante Lebensform, dachte ich, war aber viel zu schüchtern, um Kontakt aufzunehmen. Da brüllte mich einer der Jungs an: „Wie heißt du?“ Oh, echt jetzt? Ich?! Glücksrausch einer Präpubertären.
Im Karneval sind wir mal kurz jemand anders
„Ich heiße …“, fing ich an, aber ich hatte ihn falsch verstanden. „Du doch nicht!“, schrie er und zeigte auf Tini, „die da!“ Ach so, ich Idiotin, natürlich meint er Tini. Denn „die da“ hatte schon Busen unterm Badeanzug und ich nicht. In dem Moment wollte ich nichts mehr im Leben, als Tini zu sein. Oder wenigstens jemand mit Busen.
Jemand anders sein zu wollen, diese Sehnsucht kennt wohl jeder. Das eigene Ich ablegen, in eine neue Rolle schlüpfen, von den anderen anders........
