Das eine Wort, das dabei hilft, Trump besser zu verstehen |
Am 12. Januar 2011 hat Sascha Lobo seine erste Kolumne für den Spiegel veröffentlicht. Anlässlich des Jubiläums unseres dienstältesten Kolumnisten erscheint diese Kolumne ohne Bezahlschranke. Zehn seiner besten Kolumnen aus den ersten zehn Kolumnenjahren haben wir hier versammelt.
»Die Grundform der Herrschaft ist das Racket «, schrieb Max Horkheimer, und das ist heute interessant, weil der Begriff »Racket« von der gewalttätigen Schutzgelderpressung der amerikanischen Mafia der Zwanzigerjahre herrührt. Eine »Racket«-Theorie der Frankfurter Schule hat sich nicht unbedingt weltweit als politsoziologischer Standard durchgesetzt. Aber das Konzept hilft vielleicht, die gegenwärtige Gemengelage zwischen Trump, Putin und den restliberalen Demokratien der Welt besser zu beschreiben und zu begreifen.
Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist Autor und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und digitale Technologien. Gemeinsam mit Jule Lobo beschäftigt er sich im Podcast »Feel the News – Was Deutschland bewegt« mit aktuellen Debattenthemen.
»Racket« hat mehrere wörtliche Bedeutungen: Gaunerei, einträgliches Geschäft, Getöse, Verbrecherbande, Aufruhr und einiges mehr. Es ist aber auch eng verbunden mit einer amerikanischen Mafia-Spezialität: der Scheinlegalität. Das Standardmodell dieser Entwicklung erscheint simpel: Eine Verbrecherbande erpresst Schutzgeld. Um sich zu tarnen und im Alltag weniger angreifbar zu sein, gründet die Bande eine Sicherheitsfirma. Im Hintergrund wirken weiter die gewalttätigen, kriminellen Mechaniken, die eine ganz reale Angst bewirken – aber im Vordergrund sieht alles nach gewöhnlichem Geschäft aus, einem protection business. Über die Jahre passierte es häufiger, dass aus der Scheinlegalität eine halbwegs oder sogar vollends echte Geschäftslegalität wurde.
Die leider nicht ausformulierte »Racket«-Theorie hätte vielleicht dezidiert beschrieben, wie genau die Entwicklung einer Herrschaft in beide Richtungen geschehen kann: Aus der Urform der mit Gewalt arbeitenden, erpresserischen »Sicherheit« wird eine moderne, rechtsstaatliche, demokratische Staatsform. Die Herrschaft kann sich aber auch wieder zurückentwickeln in Richtung ihrer Horkheimerschen »Grundform«. Ein wesentliches Zitat dafür steht in Horkheimers Artikel »Das Ende der Vernunft« von 1941: »[Schutzmächte] haben ihre Schützlinge schon immer zugleich beschützt und ausgebeutet. Schutz ist der Archetyp der Beherrschung.«
Das »Racket«-Prinzip wird vor allem in Krisen, Phasen der Unsicherheit und des Wandels freigelegt, sagt Horkheimer. Aus heutiger Sicht muss man hinzufügen, dass es dann worst of both worlds enthält:
die hochfunktionale, effizienzgetriebene, prozessoptimierte Schlagkraft eines modernen Staatsapparates samt seiner Alternativlosigkeit und
die mafiöse Radikalität, Skrupellosigkeit und Unerbittlichkeit der »Rackets«
Donald Trump adelt die »Racket«-Theorie und fügt ihr sein eigenes Kapitel hinzu, wie die Rückkehr von der Staatsgewalt zum gewalttätigen Staat im 21. Jahrhundert aussieht. Und das nicht nur im Innern, etwa mit der Zoll- und Immigrationspolizei ICE. Sondern auch im Äußeren. Seine Aktionen werden neokolonial oder imperialistisch diskutiert, aber Trump handelt in erster Linie herrschaftserhaltend mafiös, alles andere sind Dreingaben, Ablenkungen oder........