Die Realität ändert man nicht, indem man gegen sie anlügt |
In den vergangenen Jahren ist etwas Bemerkenswertes passiert: Der Begriff »postfaktisch«, auf Englisch »post-truth«, hat sich von der Beschreibung einer Fehlfunktion demokratischer Gesellschaften zu einer vermeintlich akzeptierten Wirklichkeitsbeschreibung gewandelt. Mit dieser Definition von »post-truth« kürte das Oxford Dictionary die Wendung 2016 zum »Wort des Jahres« : »Beschreibt einen Zustand, in dem objektive Fakten in der öffentlichen Meinungsbildung weniger einflussreich sind als Appelle an Emotionen und persönliche Überzeugungen.«
Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.
Seitdem hat sich politisch-medial irgendwie die Vorstellung durchgesetzt, »postfaktisch« sei so etwas wie der neue Standard. Politiker wie Markus Söder scheinen Trump sogar nachzueifern beim Ersetzen von Fakten durch gefühlte Wahrheiten. Die erneute Wahl Trumps zum US-Präsidenten schien diese Lesart zu bestätigen: Tatsachen zählen nicht mehr, entscheidend ist, wer auf die richtigen Knöpfe drückt.
Dabei geraten zwei Dinge durcheinander. Mit ständigem Lügen kann man vielleicht Wahlen gewinnen – aber die Fakten gehen davon nicht weg. Die Realität ändert man nicht, indem man gegen sie anlügt.
Die neue »Nationale Sicherheitsstrategie« , die der innerste Kreis um Donald Trump offenbar mehr oder weniger im Alleingang produziert hat, ist nach der Oxford-Definition ein »postfaktisches« Dokument: Sie enthält lauter falsche Tatsachenbehauptungen, die bei Trumps treuesten Wählern aber vermutlich gut ankommen.
Da ist zum Beispiel die groteske Behauptung, Europa stünde vor der »zivilisatorischen Auslöschung« durch Migration. Was zu diesem Thema in dem Dokument steht, liest sich wie Tiraden, die man sonst von AfD-Abgeordneten oder Verschwörungstheoretikern kennt, nach der (im Kern immer auch antisemitischen) Verschwörungserzählung vom »Bevölkerungsaustausch«. Nun taucht dieser rechtsextreme Fiebertraum ausgerechnet in einer »Sicherheitsstrategie« des Einwanderungslandes USA auf.
Noch gravierender ist der Realitätsverlust hinsichtlich der Klimakrise. »Wir weisen die desaströsen ›Klimawandel‹- und ›Netto-null‹-Ideologien zurück«, steht in dem Text. Diese »Ideologien« hätten »Europa sehr geschadet« und würden »unsere Widersacher subventionieren«. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Klimakrise ist real, gefährlich,