Die vielen offenen Baustellen des Tim Cook

Chefwechsel bei Apple: Tim Cooks Vermächtnis sind viele offene Baustellen

Die vielen offenen Baustellen des Tim Cook

Er hat den iPhone-Konzern deutlich erfolgreicher gemacht. Zuletzt wirkte Apple unter Tim Cook jedoch orientierungslos. Ein Nachfolger aus den eigenen Reihen soll es richten. Ob das klappt?

Es wäre unfair, sich bei Tim Cook vor allem auf dessen jüngste Probleme zu konzentrieren. Immerhin hat der 65-Jährige Apple auf einen nie dagewesenen Erfolgskurs geführt.

In Cooks Amtszeit führte der iPhone-Konzern Lifestyle-Gadgets wie die Fitnessuhr Apple Watch oder die Airpods ein – ikonische Bluetooth-Ohrhörer, die zunächst noch als Zahnbürstenaufsätze verspottet wurden und dann wie kaum ein anderes Tech-Accessoire das Stadtbild eroberten. Auch technische Revolutionen gab es: Unter der Haube der Mac-Computer laufen seit 2020 keine Intel-Prozessoren mehr, sondern die hauseigenen M-Chips. Das brachte einen Leistungssprung, von dem die Konkurrenz bis heute träumt.

Zum wirtschaftlichen Erfolg Apples trug der Fokus auf die Lieferketten-Optimierung bei – sie gilt als eine der effizientesten überhaupt. Und 2018 wurde Apple schließlich als erstes US-Börsenunternehmen zum Billionen-Konzern: War die Firma bei Cooks Amtsantritt im August 2011 noch mit 350 Milliarden US-Dollar bewertet worden, waren es sieben Jahre später eine Billion – heute sind es mehr als vier Billionen.

Auch politisch und gesellschaftlich setzte Cook Töne, die sich andere Chefs nicht trauten. Er machte seine Homosexualität öffentlich, engagierte sich lautstark für Diversität und Gleichstellung. Erwähnenswert ist auch, dass Apple als einer von wenigen Tech-Konzernen das Thema Datenschutz in den Mittelpunkt rückte. Wer ein iPhone kauft, hinterlässt weniger Spuren im Netz als mit vielen Produkten der Konkurrenz.

Apple und ich: Die Geschichte einer Entfremdung

Nur wenige Stunden, nachdem Beamte der US-Grenzschutzbehörde den Krankenpfleger Alex Pretti erschossen hatten, besuchte Apple-Chef Tim Cook die Premiere des Films über Melania Trump. Kein Einzelfall. Unser Autor war jahrelang treuer Fanboy der Marke – und sucht jetzt nach Alternativen.

Produkt-Flops und Geschenke für Trump

Und doch bleiben etliche offene Baustellen, wenn Cook zum 1. September seinen Posten an John Ternus abgeben wird. Zuletzt wirkte der iPhone-Konzern erstaunlich orientierungslos. Produkteinführungen floppten, Innovationen lieferten andere – und manche Entscheidungen wurden zu einem derartigen PR-Desaster, dass bis heute noch keine endgültige Lösung in Aussicht scheint.

Die klobige und teure Computerbrille Vision Pro ist ein interessantes Stück Technik, aber kaum jemand will sie kaufen. Stattdessen wurden die deutlich kompakteren AI Glasses des Meta-Konzerns zu einem Erfolg. Das iPhone Air ist beeindruckend dünn, jedoch hat niemand danach gefragt. Wer das Gerät kauft, muss mit so vielen technischen Einschränkungen – etwa bei der Kamera – leben, dass sich eine Anschaffung kaum lohnt. Als entsprechend schlecht gelten die Verkaufszahlen.

Auch Cooks Umgang mit der aktuellen US-Regierung brachte ihm zuletzt Negativ-PR. Das demütige Anbandeln mit Trump mithilfe schaurig-schöner Goldgeschenke schreckte nicht nur Kunden ab, sondern auch die eigene Belegschaft – diese protestierte zeitweise in internen Chatgruppen.

Cooks schwierigstes Erbe ist das Verschlafen des Hypes um die Künstliche Intelligenz.

Cooks schwierigstes Erbe ist das Verschlafen des Hypes um die Künstliche Intelligenz.

Als Apple die KI verpennte

Cooks schwierigstes Erbe ist jedoch das Verschlafen des Hypes um die Künstliche Intelligenz. Während Konkurrenz-Smartphones von Samsung oder Google zu intelligenten Supermaschinen wurden, müssen sich iPhone-Nutzer noch immer mit dem wenig hilfreichen Sprachdienst Siri begnügen. Ein Groß-Update mit zahlreichen Funktionen wurde zwar in Werbespots angekündigt – erschien dann aber nie. Mittlerweile muss Apple mit seinem ärgsten Rivalen Google zusammenarbeiten, um die Rückschritte noch irgendwie aufholen zu können.

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All diese Baustellen muss John Ternus nun abarbeiten. Das dürfte nicht leicht werden. Mit dem 50-Jährigen zieht kein frischer Wind ein: Ternus ist ein Apple-Eigengewächs.

Der Ingenieur war bislang Hardwarechef, eine starke Schwerpunktsetzung auf eine vernünftige Produktlinie ist damit zu erwarten. Ob der Konzern mit ihm auch seine Softwareprobleme in den Griff bekommen wird, darf aber mit mindestens ein, zwei Fragezeichen versehen werden.


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