Umgang mit älteren Menschen: Rollator, Haushaltshilfe, Heim – wie spricht man darüber? |
Umgang mit älteren Menschen Rollator, Haushaltshilfe, Heim – wie spricht man darüber?
Analyse | Düsseldorf · Das Gehen fällt schwer, Autofahren klappt nicht mehr sicher, der Übergang in ein Heim steht an. Mit alten Menschen über solche Themen zu sprechen, ist heikel. Wie es gelingen kann und was junge Menschen unbedingt vermeiden sollten.
Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden
Das Gespräch mit älteren Menschen über deren Zukunft ist oft heikel.
Auf der einen Seite stehen die Kinder oder andere nahe Menschen. Oft sind sie nur sporadisch bei ihren betagten Eltern zu Besuch, sehen also sprunghaft, wie das Älterwerden immer mehr Beschwernisse im Alltag bereitet. Treppen im Haus werden zu gefährlichen Hürden. Das Gehen fällt schwerer, das Sehen und Hören ebenso. Wie die Autofahrten zum Einkaufen oder gar in den Urlaub noch funktionieren, malen sich die Kinder lieber nicht aus. Nun müssten sie eigentlich heikle Gespräche führen: Es müsste darum gehen, einen Rollator zu kaufen oder einen Treppenlift. Es müsste besprochen werden, ob es nicht an der Zeit ist, den Führerschein abzugeben, und welche Alternativen für die Mobilität es dann gibt. Es müsste um das gehen, was für älter werdende Menschen das Kostbarste ist: ihre Selbstbestimmung, ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit.
Auf der anderen Seite stehen Menschen, für die das Älterwerden ein langsamer Prozess ist. Und ein schmerzlicher. Sie erleben kleine Rückschläge im Alltag – und arrangieren sich. Sie kennen die Stolperfallen in ihrem Haus, wissen, wo sie sich festhalten können. Sie fahren keine weiten Strecken mehr und nicht mehr bei Dunkelheit. Sie kaufen Tiefkühlgerichte und stellen den Fernseher laut. Die besorgten Nachfragen jüngerer Menschen erleben sie als Anmaßung. Und wenn die Vorschläge für Veränderungen drängender werden, wenn Reizworte wie Rollator, Notrufknopf, Haushaltshilfe oder gar Heim fallen, empfinden sie das als Bedrohung. Und irgendwann stellen sie auf stur.
In Gesprächen zwischen erwachsenen Kindern oder anderen Bezugspersonen und betagten Eltern geht es vordergründig um Versorgung und den Umgang mit Risiken des Altwerdens. Hintergründig aber oft um Macht: Wer sagt wem, wie die Zukunft zu gestalten ist? Wer trifft die Entscheidung, wer übernimmt die Verantwortung? Und wie lassen sich diese Ebenen in einem Gespräch auseinanderhalten, damit die Kommunikation einigermaßen friedlich funktioniert?
„Wenn ich als jüngerer Mensch in ein solches Gespräch mit einem älteren Menschen gehe, muss ich mich vom Antlitz des anderen berühren lassen“, sagt Andreas Kruse, Professor für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Es geht ihm um Empathie und Perspektivwechsel. Nur wenn die jüngeren Menschen sich wirklich in die Lage versetzten, sie müssten Abschied von bestimmten Gewohnheiten oder Lebenszusammenhängen nehmen, hätten sie die nötige Bereitschaft, „emotional mitzuschwingen“, statt das Gespräch nur als kognitive Auseinandersetzung zu begreifen.
Außerdem helfe es, im Gespräch deutlich zu machen, dass es nicht das Ziel ist, dem älteren Menschen Dinge wegzunehmen, die für ihn bisher selbstverständlich waren. Vielmehr gehe es um die Frage, wie Freiheit erhalten werden könne – bei gleichzeitig erhöhter Sicherheit. Zu sagen: Du brauchst einen Rollator, spricht dem anderen Kompetenzen ab und soll ihn zu etwas zwingen. Dagegen zu sagen: Ich mache mir Sorgen um Deine Sicherheit beim Gehen. Lass uns überlegen, wie wir es ermöglichen können, dass Du Dich weiter frei bewegen kannst, ohne zu fallen, werde das Ziel deutlich: mehr Sicherheit, nicht Bevormundung.
Kruse findet zudem, dass erwachsene Kinder oder andere Bezugspersonen älterer Menschen Alternativen anbieten müssen, wenn es um Einschnitte in deren Selbstständigkeit geht. „Man muss den älteren Menschen dann schon verbindliche Angebote machen, wie sie die notwendigen Einschränkungen kompensieren können“, sagt Kruse. Stehe etwa der harte Schnitt eines Umzugs in ein Heim an, müsse man sich im Gegenzug verpflichten, regelmäßig zu Besuch zu kommen, Ausflüge zu unternehmen oder Besuche bei der Familie daheim zu organisieren. „Es geht im Kern darum, dass die Angehörigen bereit sein müssen, sich selbst zu engagieren, um den in Aussicht stehenden Mangel für den älteren Menschen auszugleichen“, sagt Kruse.
Diese persönliche Verpflichtung sieht er auch beim Thema Zeit. Wenn sich Angehörige für heikle Gespräche über so wichtige Zukunftsfragen wie die Aufgabe des eigenen Autos oder gar den Umzug in ein Heim nicht ausreichend Zeit nähmen, müssten Gespräche scheitern. Das sei nichts, was sich bei Stippvisiten „erledigen“ lasse, egal wie eingespannt die jüngeren Menschen seien. Sie würden dem älteren Menschen sonst praktisch wie ethisch nicht gerecht. Menschen, die ständig unter Zeitdruck zu hochbetagten Angehörigen kämen, sollten sich die Frage stellen, ob es Konfliktpotenzial aus früheren Lebensphasen gibt, die die Beziehung belasten. Keine Zeit zu haben, sagt Kruse, sei oft ein Zeichen von innerer Flucht.
In heikle Gespräche etwa über die Abgabe des Führerscheins sollte man gut vorbereitet gehen, nicht aus einer Laune heraus, sagt Michael Denkinger, Professor für Gerontologie und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). So könne man etwa Statistiken über Unfallhäufigkeit oder Abnahme von Reaktionsvermögen im Alter heraussuchen und seinem Anliegen so eine gute argumentative Basis verschaffen. Auch Denkinger betont aber, dass es nicht nur um die Vernunftebene gehe. Das gelte noch viel mehr, wenn bei den älteren Menschen schon Beeinträchtigungen bestehen, etwa durch eine beginnende Demenz. Dann könne es auch helfen, das Gespräch zusammen mit anderen aus dem nahen Umfeld zu suchen. Auch Hausärzte oder Mitarbeiter aus Einrichtungen wie Gedächtnisambulanzen könnten unterstützen. „Es geht in solchen Gesprächen auch immer um die Rollenverteilung: Kinder machen Vorschläge über das Leben der Eltern, da besteht Konfliktpotenzial. Es kann helfen, das offen anzusprechen“, sagt Denkinger. Auch er betont, dass solche Gespräche Zeit benötigen. Gerade wenn es räumliche Distanzen zwischen Familienangehörigen gebe, sollten solche Themen bei Besuchen nicht sofort angesprochen werden, sondern vielleicht am zweiten oder dritten Tag eines Besuchs. Auch solle man nicht darauf drängen, Entscheidungen dann sofort herbeizuzwingen, sondern den Menschen Zeit lassen, selbst darüber nachzudenken, welche Lösungen passen.
Das gilt besonders für die Frage, ob der Umzug in ein Heim geboten wäre. „Angehörige betreiben die Pflegeheim-Einweisung oft aus der Sorge, dass ein alter Mensch allein daheim liegen könnte und nicht mehr gut versorgt werde“, sagt Denkinger. „Es gibt aber viele Möglichkeiten dazwischen.“ Das reiche vom Notfallknopf, den es inzwischen auch in ästhetisch ansprechenden Formen gebe, als Uhr oder Halskette, bis zu Sozial- oder Pflegediensten, die bis zu vier Mal am Tag kommen. „Man sollte sich über all die Möglichkeiten gut beraten lassen, bevor man übereilt auf den Umzug in ein Heim drängt“, sagt Denkinger. „Auch im Pflegeheim haben Menschen keine Ritterrüstung an, auch dort können sie stürzen. Auf der anderen Seite kann ein Heim für Einsame ganz toll sein, weil man dort wieder Kontakte hat.“
Die Versorgung im Alter ist eine Frage, die älter werdenden Menschen ihre Verluste von Selbstbestimmung und Freiheit vor Augen führt. Sie belastet auch die jüngere Generation, wenn sie sich verantwortlich fühlt, aber eben nicht einfach durchsetzen kann, was sie für sinnvoll hält. All das schwingt in den heiklen Gesprächen mit. Besser man führt sie, bevor sie geführt werden müssen.