Iranexpertin Gilda Sahebi: Was passieren muss, damit das iranische Regime aufgibt

Iranexpertin Gilda Sahebi Was passieren muss, damit das iranische Regime aufgibt

Interview · Iranexpertin Gilda Sahebi hat auch aktuell täglich Kontakt in den Iran. Ein Gespräch über die Situation von Frauen vor dem Krieg und jetzt. Und über die Chancen, dass es zu einem Sturz des Regimes kommt.

Iranexpertin Gilda Sahebi

Welche Kontakte haben Sie im Moment in den Iran?

Sahebi Ich habe fast täglich telefonischen Kontakt oder bekomme Textnachrichten, das Internet ist gerade fast durchgängig gesperrt. Telefonkontakte können aber abgehört werden, da kann man nicht frei sprechen.

Wie ist die Haltung der Menschen, mit denen Sie Kontakt haben, zu den aktuellen israelisch-amerikanischen Angriffen?

Sahebi Das hat sich kaum verändert. Einerseits haben die Menschen wahnsinnige Angst vor den Bombardierungen. Gerade aus Teheran fliehen viele in andere Teile des Landes, in den Norden, an die Küste, naufs Land, wenn sie können. Teheran ist sehr verlassen, die Menschen gehen kaum vor die Tür. Bald ist das persische Neujahrsfest, das wird normalerweise fröhlich auf den Straßen gefeiert, man springt über Feuer, vertreibt die bösen Geister. Unvorstellbar im Moment. Alles liegt danieder. Es gibt also viele, die sich das Ende des Krieges wünschen – aus purer Sorge ums Überleben. Gleichzeitig haben sie Angst vor dem Ende des Krieges. Denn wenn das Regime überdauert, wird es das als Sieg verkaufen. Dann verschlechtert sich die Lage der Menschen weiter.

Sahebi Weil das Regime dann das wenige Geld, das die Wirtschaft noch hervorbringt, ins Militär stecken wird. Dann wird die wirtschaftliche Lage für die Bevölkerung noch schlimmer. Und die Repression wird auch zunehmen. Das hört man schon jetzt. Ständig werden Leute festgenommen, die angeblich Spione seien. Da reicht es, dass jemand mal mit einem Exilmedium Kontakt hatte.

Israel hat weitere Führungspersonen des Regimes getötet. Verbessert das die Aussichten auf einen Regimewechsel oder fehlt es dadurch an Partnern, mit denen man überhaupt verhandeln könnte?

Sahebi Die zuletzt getöteten Regimeangehörigen haben die Niederschlagung der Massenproteste im Januar organisiert. Sie sind verantwortlich für die Tausende Toten. Sie waren verhasst bei den Menschen, waren mit den Revolutionsgarden eng verbunden. Eine Öffnung des Iran hätte es mit ihnen nicht gegeben.

Gilda Sahebi wurde 1984 in Teheran geboren und wuchs in einer politisch aktiven Familie auf. Sie ist Autorin und Podcasterin mit den Schwerpunkten: autoritäre Systeme, gesellschaftliche Polarisierung sowie deutsche Innen- und Außenpolitik. Gemeinsam mit Arne Semsrott moderiert sie den wöchentlichen Politik-Podcast Gilda con Arne.

Bücher Zuletzt erschienen von Gilda Sahebi folgende Sachbücher: „Unser Schwert ist Liebe“. Die feministische Revolte im Iran. S. Fischer, 256 Seiten, 24 Euro

„Wie wir uns Rassismus beibringen.“ Eine Analyse deutscher Debatten. S. Fischer, 416 Euro, 26 Euro

und „Verbinden statt spalten: Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“. S. Fischer, 256 Seiten, 22 Euro

In Europa befürchten manche Leute eine neue Flüchtlingsbewegung aus dem Iran.

Sahebi Das sind unplausible Szenarien. Wenn man mal in die Geschichte blickt, kann man erkennen, dass auch während der acht Jahre Krieg zwischen Iran und Irak nur eine Minderheit aus dem Iran geflohen ist. Die Menschen versuchen, innerhalb ihres großen Landes Schutz zu finden. Auch jetzt ist das wieder so.

Wie war die Lage der Frauen im Iran vor dem Krieg? Wahrscheinlich muss man die Frage für Stadt und Land differenziert beantworten?

Sahebi Nein, das würde ich gar nicht sagen. Ohnehin leben 70 Prozent der Menschen im Iran in Städten. Aber das Leben auf dem Land ist auch nicht illiberaler als das in der Stadt. Darum kann man auch sagen, dass eine große Mehrheit der Menschen, auf dem Land wie in der Stadt und aus allen sozialen Schichten gegen das Regime ist. 85 Prozent hoffen auf das Ende der Islamischen Republik. Aber egal, wohin Sie schauen, die Frauen im Iran waren auch vor dem Krieg nicht frei.

Trotzdem sah man vor dem Krieg immer wieder Frauen ohne Kopftuch auf den Straßen.

Sahebi Ja, diese Freiheit haben sich die Frauen vor dem Krieg unter vielen, vielen Opfern, auch Todesopfern, erkämpft. Das Regime hat immer wieder versucht, den Kopftuchzwang mit Gewalt, strengeren Gesetzen, mehr Überwachung durchzusetzen, aber dem haben sich die Frauen seit den Aufständen 2022 widersetzt. Sie haben das Kopftuch einfach nicht getragen. Aber das allein bedeutet noch nicht Freiheit.

Auch das Recht auf Bildung haben sich die Frauen nicht nehmen lassen.

Sahebi Ja, das Bildungsniveau ist allgemein hoch im Iran. Frauen studieren zudem oft naturwissenschaftliche Fächer, Mathematik, Bauingenieurswesen, Informatik. Mir haben Iranerinnen erklärt, dass sie gerade in diesen Fächern beweisen wollten, dass sie den Männern ebenbürtig sind. Das Problem ist nur, dass auch die gut ausgebildeten Frauen keine Jobs gefunden haben. So desaströs war die wirtschaftliche Lage schon vor dem Krieg. Frauen bekommen auch immer weniger Kinder. Die Geburtenrate lag zu Beginn der islamischen Revolution bei etwa 7, jetzt liegt sie bei um die 1,6 pro Frau, kaum höher als in Deutschland.

Wie können sich die Frauen gegenseitig stärken? Nur auf privater Ebene oder gibt es auch Strukturen der Solidarität?

Sahebi Solche Strukturen gab es schon immer. Nicht offiziell, aber Frauen können sich auch in Fitnessstudios solidarisieren, beim Singen, Tanzen, Musizieren, Theaterspielen. Es gibt Literatur, Filme von Frauen. Gerade weil es im Außen keine Freiheit gibt, versuchen sie, durch die Eigenermächtigung in Kunst, Kultur, Sport ihre innere Freiheit zu verteidigen. Außerdem gibt es Anwältinnen, die politische Gefangene verteidigt haben. Eine davon ist Nasrin Sotoudeh, die jetzt selbst im Gefängnis sitzt.

Wie gehen Männer in den Familien mit starken Frauen um?

Sahebi Die Männer haben keine Wahl. (lacht) In den meisten Familien käme kein Mann auf die Idee, seiner Frau zum Beispiel zu verbieten, arbeiten zu gehen. Ausgenommen sind vielleicht regimenahe und streng religiöse Familien. Aber in vielen, vermutlich den meisten Familien, sind Frauen sehr selbstbewusst. Trotzdem ist häusliche und sexualisierte Gewalt ein Problem. Frauen haben im Iran keine öffentlichen Anlaufstellen, um sich zur Wehr zu setzen. Strukturelle Gewalt gegen Frauen ist also ein großes Thema.

Was müsste passieren, damit die Menschen im Iran das Regime stürzen könnten?

Sahebi Diese Frage stelle ich mir die ganze Zeit. Die Antwort ist schwer. Im Grunde müssten die bewaffneten Gruppen im Iran beschließen, nicht mehr gegen das eigene Volk zu schießen. Es wird keinen Umsturz des Regimes geben können, ohne dass Teile des Staatsapparats umschwenken und sich weigern, weiter Gewalt auszuüben. Das war 1979 bei der Islamischen Revolution so, ebenso beim Arabischen Frühling in Ägypten. 85 Prozent der Menschen sind gegen das Regime, aber der Rest besitzt die Waffen und zeigt bisher keine Skrupel.

Das würde bedeuten, dass man etwa den Revolutionsgarden etwas anbieten müsste, trotz aller Gräuel, die sie verübt haben?

Sahebi Die Mitglieder der Revolutionsgarden haben alles zu verlieren. Das unterscheidet die Lage auch vom Sturz des Schahs 1979. Die Anhänger des Schahs hatten ihre Villen in Frankreich oder Los Angeles, sie hatten Ausweichmöglichkeiten. Die Kämpfer der Revolutionsgarden können nirgendwohin. Wahrscheinlich nicht einmal nach Russland. Sie müssen aus ihrer Sicht bis zum bitteren Ende kämpfen. Es kann natürlich auch geschehen, dass dem Regime das Geld ausgeht, um die Gehälter dieser Kämpfer weiter zu zahlen. All diese Dinge hätte man vor den Angriffen bedenken müssen. Nun erleben wir, dass das nicht geschehen ist.


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