menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Lang lebe Latein!

26 0
09.03.2026

So ein Brimborium um dieses mausetote Ding, von dem das Wörtchen „Brimborium“ ursprünglich abstammt! Liest man eine Nachricht wie jene, dass das Unterrichtsfach Latein zugunsten von KI-Stunden gekürzt werden soll, fühlt man sich sofort an der Philosophenehre gepackt, auch wenn die Philosophie in der von Bildungsminister Christoph Wiederkehr entrollten Latein-Debatte nicht wirklich weiterhilft. 

Wer 2026 noch immer von, tja, philosophischer Weltverdüsterung und schroffem Traditionsbruch infolge möglicher Lateinstunden-Filetierung schwadroniert, möge zu Meißel und Steintafel greifen, um seine Pro-Latein-Argumente vorzubringen. Es ist inzwischen auch schon einige Jahre her, da der letzte Mensch, der auf Lateinisch beim Bäcker seine Brötchen bestellte und mit seinen Kumpels – ohne dabei eine Sekunde lang über lateinisches Deklinieren nachzudenken – die jüngsten Resultate im Wagenrennen diskutierte, sein antikes Haupt zu Grabe bettete. Eine Sprache, in Scherben und Staub verfallen. 

Andererseits: Man ist kein Barbar im Bärenfell, um einmal ausbalanciert darüber zu sinnieren, ob und inwiefern Latein haltbarer sein soll als die müde vor sich hin bröckelnden Steine der römischen Engelsburg. Betrachtet aus gehöriger Distanz – 1000 Jahre würden fürs Erste genügen – ließe sich mit unbewaffnetem Auge feststellen: Man soll, so oder so, sein Maul nicht sperrangelweit aufreißen! 

Besonnen ließe sich feststellen: ein ungleiches Patt. Auf der einen Seite die sogenannte künstliche Intelligenz mit ihren unendlichen Versprechen und durchgeknallten Hauptdarstellern, allen voran Elon Musk, jener Mann, der Sätze wie Ohrfeigen auf Lager hat, der Empathie, die den Menschen zum Menschen macht, als Schwäche und Makel abtut. Latein auf der anderen Seite: Kann’s noch mehr bergab gehen, toter als tot? Latein lebt seit je mit dem keineswegs erheiternden Makel, schon immer mehr erloschen als auch nur in den letzten Zuckungen zu sein. 

Da hilft nur noch moderne Technik. Frage deshalb an den Bot ChatGPT, den Minister Wiederkehr im jüngsten Finita-la-musica-Kapitel gegen das nicht einmal mehr im Vatikan geschätzte Kieselsteinhäufchen Latein ins Rennen schickt: „Bitte um drei Argumente, weshalb der Lateinunterricht an Österreichs Schulen wichtig ist.“

Und los legt ChatGPT: „Latein ist die Sprache des Römischen Reiches und prägt bis heute Europa. Viele Texte aus Antike, Mittelalter und Humanismus sind auf Latein verfasst. Wer Latein lernt, versteht die kulturellen Wurzeln Europas und Österreichs besser – etwa in Recht, Politik, Philosophie und Kirche.“ Aha. Und weiter: „Die Übersetzung lateinischer Texte trainiert genaues Lesen, analytisches Denken und Grammatikverständnis. Schülerinnen und Schüler lernen, komplexe Satzstrukturen zu durchschauen und Inhalte präzise zu formulieren – Fähigkeiten, die in vielen Studienrichtungen und Berufen wichtig sind.“

Warum lernen unsere Gymnasiasten noch Latein und Altgriechisch?

So weit, so bekannt. An dieser Stelle schließlich ein kurzer Schwenk ins Persönliche. ChatGPT kocht auch nur mit den dünnen Wassern des Geklauten und Wiedergekauten. Latein wirkt gegen diesen durchschaubaren Zauberer-Darsteller, der (noch) immer mehr verspricht, als er am Ende liefern kann, wie eine Magic Box, wie eine Abenteuerfahrt ins Nachdenken, Herumtüfteln, Geschichte(n)einsammeln, auch ins spektakuläre Danebenliegen. Da sind die Erinnerungen an jene Übersetzungen im Gymnasium unter der Obhut des guten Professors K., die unter gehörigem Knirschen in größtmöglicher Abweichung vom Originaltext entstanden. Frühe Lacherfolge beim lauten Vorlesen in der Klasse!

Diese nie selbstzufriedene, oft grausame Natur des Lateinischen, dieses Gedächtnis der Jahrtausende, das die Aktualitätssucht unserer Tage großzügig gelten lässt. Nicht Latein ist das Problem, sondern dass wir selbst offenbar nicht so genau wissen, wohin die (KI-)Reise geht. Da sind die Erinnerungen an die Zeit in der Schule, an jene Lernfenster, von denen sich nie sagen ließ, dass sie bodentief gewesen seien und freigiebige Blicke bis weit zum Horizont erlaubten. Chemie, Physik, Mathematik, meinetwegen heute KI: Latein war und ist dagegen das Guckloch über den festgezurrten Rahmen des rein Schulischen hinaus, Physik-Primi und Chemie-Koryphäen einmal ausgenommen. 

Latein war und ist eine ernste Sache, und weil es so ernst ist, hat es einen sympathischen Hang zu närrischen Nebensachen. Zu Comic („Die spinnen, die...“) und TV-Fernsehserien („Simpsons“-Folge „I, Carumbus“, Staffel 32, Folge 2), suprigen Schlauheiten („Carpe diem“) und verquasselten Verwandtschaften zu anderen Sprachen. 

Bei aller Sympathie für die KI-Zukunft: Ohne Latein werden wir diese noch viel weniger verstehen, als wir es heute bereits tun. Das KI-Denken, wenn man es Denken nennen will, wird ganz ohne Latein das dürre Online-Klappergestell bleiben, das es heute noch ist.


© profil