Wie viel Orban köchelt in Österreich?

„Austria is a too small country to do good doping.“ Ein Satz, der das Selbstverständnis überkommener Machtstrukturen in Österreich zur Kenntlichkeit entstellte. Im Jahr 2006 trat der ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel vor die internationale Presse, um einen Dopingskandal aus der Welt zu reden. Ein bisschen Schummeln ja, aber Rechtsbruch? Wir doch nicht.

Die Verkleinerungsform als Lieblingsversteck. Als Harmlosigkeit getarnte Schamlosigkeit. Der schlampige Umgang mit Betrug oder Korruption zieht sich durch die Geschichte vieler Institutionen, die Selbsterneuerung versäumt haben. Irgendwann brechen geschlossene Systeme. Davor werden Menschen in halbseidene Grenzverschiebungen hineinkorrumpiert, Grenzen zwischen gemeinsamen Interessen und eigenem Vorteil verschoben. Wer mitspielt, kommt weiter. Wer Regelbruch hinterfragt, wird ausgesondert.

So entstehen geschlossene Systeme in Kammern, Medienhäusern … (ergänzen Sie bitte selbst). Auf einem Berg, abgeschlossen am Rande der Stadt, steigt die Höhenluft manchen an der Spitze noch mehr zu Kopf. (Trotz all dieser politisierten Machtspiele, die in den ORF hineingetragen werden: Wir bekommen jeden Tag hervorragende Information, Hintergründe, Meinungen. Weil es viele Menschen gibt, die ihr Leben dort in den Dienst der vierten Säule der Demokratie gestellt haben, ohne die es keine liberale Demokratie gibt.)

Gleichzeitig in Ungarn: 1989 als jenes Land gestartet, dem die blühendste Zukunft zugesprochen wurde. Nach 16 Orbán-Jahren autoritärer Aushöhlung und kleptokratischer Führung (© Anne Applebaum) Schlusslicht in wirtschaftlichen Kennzahlen und eines der korruptesten Länder Europas. Abgewirtschaftet von der Poleposition auf den Pannenstreifen. Zum trojanischen Esel imperialer Mächte degradiert, die bei aller Feindschaft eines eint: Europa spalten, die EU zerstören. Russland liefert das billige Öl. China investiert. Die Trump-USA liefern Wahlunterstützung. Was ist die Gegenleistung? Neinsagen. Der störrische trojanische Esel in jeder Ratssitzung. Blockade. So schwächt man ein gemeinsames Europa, das nicht nur auf Recht, sondern auch auf erarbeitetes Vertrauen gebaut wurde.

Diese Wahl hat auch entschieden, dass sich jene, die Europa schwächen wollen, nach einem neuen Trojanischen Esel umschauen müssen. Umso unbehaglicher, wenn der permanent mit Adolf Hitlers Kampfbegriff „Volkskanzler“ herumfuchtelnde Herbert Kickl Ungarn als das Vorbild sieht und ganz im Sinne Putins gegen die Ukraine giftelt. Aber auch der comebacklüsterne Sebastian Kurz pflegt die Freundschaft zu Freund Viktor, kupfert Orbáns und Trumps Thinktank-Modell ab, wie profil aufgedeckt hat, und lässt keine Chance aus, in Interviews den wohlwollenden Trump-Erklärbären und EU-Kritikaster zu mimen.

Was hieße eine Orbánisierung Österreichs für unsere Unternehmen, die Arbeitslosigkeit, den Tourismus?

Es liegt an allen, die Verantwortung für die Zukunft Österreichs in einem starken Europa tragen, jetzt wichtige Institutionen resilienter zu machen gegen die Zerstörungskräfte im Inneren und Äußeren.

Vielleicht stellen sich ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze gerade die Meischberger-Frage: „Wo war mei Leistung?“ Beide Eigentümer von Kommunikationsagenturen. Von SPÖ und ÖVP entsandt, den Stiftungsrat zu leiten – und dabei zu Brandbeschleunigern der Krise des ORF geworden. Tag für Tag neue Unvereinbarkeiten. profil hat vieles davon aufgedeckt.

Wie soll man sich Kommunikationsberatung ohne Kommunikation mit dem größten und wirkungsvollsten Medium vorstellen? Vielleicht wie bei Harry Potter? Schneeweiße Complianceweste umgeworfen, Zauberstab wacheln, „Expecto laudationem clientis“ – und schon versiegt, kontaktlos natürlich, kritische Berichterstattung, und Lobeshymnen ergießen sich über zahlende Kunden? Schon der Anschein zerstört Vertrauen.

Ist Österreich ein zu kleines Land für „Good Governance“? Eine große Chance der Bundesregierung, das Gegenteil zu beweisen. Dann könnte der erste Satz bei der nächsten Pressekonferenz lauten: „Austria is a too smart country to be the next donkey.“


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