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Social-Media-Sucht: Insta ist das neue Marlboro

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01.04.2026

Leute (wie ich), die in den 1970er- Jahren aufwuchsen, sind fassungslos, wenn sie an ihre Kindheit denken. Wir saßen im Auto auf der Rückbank, vorn qualmten Papa und Mama bei geschlossenen Fenstern eine Zigarette nach der anderen. Rauchschwaden und der Geruch voller Aschenbecher waren die Parfums unserer frühesten Jahre. Überall, in jedem noch so kleinen Raum, wurde geraucht: im Gasthaus, zu Hause, im Warteraum beim Arzt.

Wie konnten uns unsere Eltern so gedankenlos diesen krebserregenden Stoffen aussetzen? Warum waren wir von verführerischen Plakaten viriler Männer und schöner Frauen umgeben, die Zigaretten als unverzichtbares Accessoire zwischen den Fingern hielten? Wie konnte man „Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer“ (Marlboro) oder „Aktiv leben, vergnügt genießen“ (R6) als Slogans durchgehen lassen? Wusste die Generation unserer Eltern nicht, wie schädlich das Rauchen war?

Sie hätten es wissen können. Längst existierten damals Studien über die gesundheitsschädlichen Folgen des Zigarettenkonsums, über den Suchtfaktor und auch über das Problem des „Mitrauchens“. Schon in den 1950er-Jahren liefen in den USA erste Prozesse gegen die Tabakindustrie.

Doch die Tabakindustrie wehrte sich trickreich und mit dem Einsatz enormer Summen. Jahrzehntelang gelang es ihr, Zweifel an den medizinischen Folgen des Nikotinkonsums zu säen. Sie beschäftigte Lobbying-Unternehmen und Anwaltskanzleien und zögerte so die erste maßgebliche gerichtliche Einigung in den USA – das „Master Settlement Agreement“ – bis ins Jahr 1998 hinaus. Darin verpflichteten sich die US-Tabakriesen, insgesamt 200 Milliarden Dollar an Schadenersatz zu leisten. Und sie willigten ein, in Zukunft auf Werbung zu verzichten, die sich an Jugendliche richtete.

Es sollte weitere zwei Jahrzehnte dauern, bis Warnhinweise auf Zigarettenpackungen und ein Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt wurden. Jede neue Maßnahme wurde endlos hinterfragt und bekämpft.

Unsere Eltern wurden vorsätzlich getäuscht.

Dasselbe passiert jetzt gerade mit der aktuellen Elterngeneration. Wir dachten, Social Media sei etwas Harmloses, das auch unsere Kinder nutzen können. Die Apps fanden Eingang in unseren Sprachgebrauch. Wir twittern, wir tiktoken, und wenn wir etwas hübsch finden, sagen wir, es sei „instagrammable“. Bald wurde klar, dass man darauf achten muss, dass junge Leute nicht den falschen Accounts folgen, weil auf den Plattformen radikale Strömungen aller Art grassierten. Aber wir sahen keinen Grund, unseren Kindern Insta und Co wegzunehmen. Wir ließen sie scrollen und waren dabei so gedankenlos wie unsere kettenrauchenden Eltern im Opel Kadett. Wir haben einen Fehler gemacht.

Die Verteidigungsstrategien von Meta und YouTube könnten von Philip Morris International und Japan Tobacco stammen.

Die Verteidigungsstrategien von Meta und YouTube könnten von Philip Morris International und Japan Tobacco stammen.

Die Verteidigungsstrategien von Meta und YouTube könnten von Philip Morris International und Japan Tobacco stammen.

Ein Gericht in Los Angeles fällte in dieser Woche ein Urteil, das uns alle betrifft. Das Unternehmen Meta, dem Facebook und Instagram gehören, und das Unternehmen YouTube wurden - nicht rechtskräftig - für schuldig befunden, Produkte entwickelt zu haben, die darauf abzielen, süchtig zu machen. Geklagt hatte eine 20-jährige Frau, die belegen konnte, im Alter von sechs Jahren von YouTube abhängig geworden zu sein, und mit neun Jahren von Instagram. Mit zehn hatte sie Depressionen, später familiäre Probleme. Sie litt zudem an einer psychischen Erkrankung, bei der man auf geringste Makel des eigenen Körpers fixiert ist.

Der Fall der jungen Frau mag besonders drastisch sein, doch die Mechanismen, die ihr so übel mitgespielt haben, betreffen alle. „Wie schafft man es, dass ein Kind niemals das Handy weglegt? Man nennt das die Konstruktion von Abhängigkeit“, sagte Mark Lanier, der Anwalt der Klägerin, in Richtung der beschuldigten Konzerne.

Die Verteidigungsstrategien von Meta und YouTube könnten von Philip Morris International und Japan Tobacco stammen: Ablenkung, Verniedlichung, Zweifel. Die mentale Gesundheit von Teenagern sei „in höchstem Maße komplex“, und Probleme könnten „nicht auf eine einzige App reduziert werden“, sagte ein Sprecher von Meta. Sein Kollege von YouTube beteuerte, die App sei eine „sehr verantwortungsvoll konstruierte Streamingplattform“.

Es liegt an uns, die Studien ernst zu nehmen, die Suchtfaktoren nachweisen und vor psychischen Gefahren warnen. Wir wissen, wie die Manipulation funktioniert, auf die unsere Eltern hereingefallen sind.


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