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Die spinnen, die Norweger?

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01.03.2026

1. Soeben gewannen Norwegens Sportlerinnen und Sportler 41 Olympiamedaillen. Es gab 18 Mal Gold, zwölf Mal Silber und elf Mal Bronze. Das von der Einwohnerzahl her viel größere Wintersportland Österreich war nicht einmal halb so erfolgreich. Und wer liegt in der ewigen Medaillenwertung seit 1924 vorn? Erraten. Die Norweger.

2. Dabei war keineswegs früher alles besser. Bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary erlebten die Norweger ein Debakel. Sechs Jahre vor ihren Heimspielen in Lillehammer war gar nichts Gold, was glänzte. Es gab null norwegische Siege, sogar Nationalheld Vegard Ulvang wurde im Langlaufen bloß Dritter. Seitdem muss man wohl die richtige Sportpolitik gemacht haben.

3. Alles Schnee, oder was? Nein. In den letzten zehn Jahren kam kein einziger Sportler des Jahres in Norwegen aus dem Wintersport. Gewählt wurden etwa die Fußballerin Ada Hegerberg und der aktuell teuerste Kicker der Welt als ihr männliches Pendant: Erling Haaland. Sogar Herr Klæbo gewinnt heuer die Sportlerwahl nur, wenn Haaland und Kollegen nicht Weltmeister werden oder der FK Bodø/Glimt die Champions League gewinnt.

4. Hinzu kommen Superstars in der Leichtathletik, von Weltrekordlern im Laufen – Karsten Warholm und Jakob Ingebrigtsen – bis hin zum Olympiasieger im Zehnkampf, Markus Rooth. Auch in der Medaillenrechnung der Olympischen Sommerspiele ist das kleine Norwegen unter mehr als 200 Nationen stets in den Top 20. Im Jahr 2024 landeten vor Norwegen ausschließlich Länder mit einer fast doppelt bis 300 Mal so großen Bevölkerungszahl.

5. Das ist längst nicht alles. Bei der „Millionenshow“ würden selbst eingefleischte Sportfans an der Frage nach dem norwegischen Sportwahl-Sieger vor zwei Jahren scheitern: Viktor Hovland spielt weltklassemäßig Golf. Auch Norwegens Triathleten und Beachvolleyballer gehören zu den Allerbesten der Welt. Norwegische Sporterfolge haben demnach nichts mit wenigen Ausnahmetalenten zu tun, sondern ereignen sich auf breiter Front.

Ziemlich kindisch sind die alpenrepublikanischen Pseudoerklärungen, dass Norwegen profitieren würde, weil es für Langläufer gar so viele Bewerbe gibt.

Ziemlich kindisch sind die alpenrepublikanischen Pseudoerklärungen, dass Norwegen profitieren würde, weil es für Langläufer gar so viele Bewerbe gibt.

Ziemlich kindisch sind die alpenrepublikanischen Pseudoerklärungen, dass Norwegen profitieren würde, weil es für Langläufer gar so viele Bewerbe gibt.

6. Warum nur, warum? Wenn sich – wie bei mir, der norwegische Originalquellen nicht lesen kann – der Wortschatz in der Landessprache auf „Heia“ und das hochprozentige „Akevitt“ vulgo Aquavit beschränkt, sollte man mit Erklärungen vorsichtig sein. Doch ist es einfach, zu beschreiben, was in Norwegens Sport anders ist. Es geht zunächst um Spaß statt Leistungsdruck und interne Rivalitäten.

7. Dazu gehört das strikte Verbot von Ranglisten und Tabellen bis zum Alter von zwölf Jahren. Es gibt für Kinder auch keine frühe Spezialisierung, dafür werden multiple Sporttätigkeiten gefördert. Karsten Warholm entschied sich erst als 20-Jähriger für den Hürdenlauf und war fünf Jahre später unschlagbar. Zugleich verstehen sich Sportzentren in Oslo, Lillehammer und Trondheim nicht als eifersüchtige Konkurrenten, sondern ziehen am selben Strang.

8. Klæbo wäre in den Sportkadern vieler Länder als schmächtiges Bürschchen früh aussortiert worden. Weil das in Norwegen nicht geschah, hält er bei insgesamt elf olympischen Goldmedaillen. Zuletzt gewann dieser Klæbo im weltmeisterlichen und olympischen Langlauf jeweils alles vom Sprint bis zu den 50 Kilometern. Das ist, als hätte 100-Meter-Läufer Usain Bolt einen Marathon gewonnen.

9. Ziemlich kindisch sind daher alpenrepublikanische Pseudoerklärungen, dass Norwegen profitieren würde, weil es für Langläufer gar so viele Bewerbe gibt. Es sind pro Geschlecht sechs, und beim Alpinen Skisport sind es fünf.

10. Ach ja, für Norwegens Sportkonkurrenz gibt es schlechte Nachrichten. Trotz Klæbos Sechsfachsieg haben die Norweger ihr olympisches Potenzial nicht ausgeschöpft. Nach den Rücktritten von Marit Bjørgen und Theres Johaug werden langlaufende Landsfrauen erst 2030 wieder dominieren. Genauso wie die vom Anzugskandal gebeutelten Skispringer. Und „Koss, the Boss“ (Johann Olav Koss) hat einst bewiesen, dass Seriensiege im Eisschnelllauf und wer weiß wo noch für Norwegen immer möglich sind.


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