Die olympischen Widersprüche

1. Einerseits gibt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in der Präambel seiner Prinzipienerklärung und in den Regeln 1 und 2 – also ganz vorn – politische Ziele wie Frieden, Internationalität und Völkerverständigung, Menschenwürde und Menschenrechte sowie Antidiskriminierung vor. Andererseits gibt es das Gerede vom unpolitischen Sport. Was objektiv ein GAU ist: der größte anzunehmende Unsinn.

2. Einerseits ist der Olympischen Charta zufolge klar, dass sich Olympiateilnahmen von Ländern, die Angriffskriege führen und andere Völkerrechtsverletzungen begehen, wegen offenkundiger Statutenwidrigkeit nicht ausgehen. Andererseits bemüht sich das IOC gerade, Russland künftig wieder teilnehmen zu lassen. Weil man bei konsequenter Verfolgung aller kriegerischen oder die Menschenrechte verletzenden Teilnehmerländer mit dem Ausschließen nicht mehr nachkommen würde.

3. Einerseits beruft sich das IOC darauf, dass statutarisch alle Nationalen Olympischen Komitees – diese NOKs nominieren die teilnehmenden Sportler – von der jeweiligen Regierung unabhängig sein müssen. Andererseits glaubt nur ein naiver Schwachdenker, dass das in Diktaturen der Fall ist.

4. Einerseits wird im IOC über allerlei Dinge abgestimmt. Beispielsweise über Veranstaltungsorte für Olympische Sommer- und Winterspiele. Andererseits sind unter den etwa 200 Teilnehmerländern – im Winter sind es knapp über 100 – rund zwei Drittel Nichtdemokratien. Ausgerechnet die Handlanger von Diktatoren in den NOKs sollen also demokratisch entscheiden.

Wie man mit Niederlagen umgeht

5. Einerseits können Olympische Spiele natürlich nicht den Weltfrieden bewirken. Andererseits ist es armselig, die eigenen Ansprüche von Friedensförderung & Co darauf zu reduzieren, dass während der Spiele und vor Ort beim Eislaufen, Rodeln und Skifahren kein sportlicher Gegner ermordet, gefoltert, verprügelt oder rassistisch beflegelt wird.

6. Einerseits werden Völkerverständigung und Fairness bejubelt, wenn sich zwei Sportler banal die Hand schütteln. Andererseits sind in diktatorischen und menschenrechtsfeindlichen Ländern oft 90 Prozent der Spitzensportler bei Armee und Polizei beschäftigt. Das führt zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass die Welt sich am Händedruck mit einem Folterknecht erfreut.

7. Einerseits betonen auch Medien gerne den völkerverständigenden Gleichheitsgedanken der Olympischen Spiele. Andererseits haben sie – nicht das IOC – den Medaillenspiegel erfunden, auf dem große und reiche Länder ganz oben stehen und der Rest kaum vorkommt. Bei den aktuellen Winterspielen sind elf afrikanische Länder wie das erstmals präsente Guinea-Bissau irgendwo zwischen Behübschung und Feigenblatt anzusiedeln.

8. Einerseits wurde mit Kirsty Coventry 2025 eine Frau Präsidentin des IOC. Noch dazu jemand aus Afrika. Was jeweils sehr gut ist. Oder wäre. Andererseits stammt Coventry aus Simbabwe, wo sie sich bis 2017 als Olympiasiegerin im Schwimmen gerne als „Golden Girl“ an der Seite von Robert Mugabe zeigte. Dieser bezeichnete sich als Hitler unserer Zeit, war ein mörderischer Despot und allein bei den Matabeleland-Massakern für 20.000 Tote verantwortlich.

9. Einerseits wurde Coventry erst nach Mugabe Farmerin und Sportministerin. Nach Eigenangaben hat sie politisch viel Gutes bewirkt. Andererseits bekam sie das Ministeramt und auch ihr (Farm-)Land von Präsident Emmerson Mnangagwa geschenkt, der ein enger Verbündeter des Mörders Mugabe und auch selbst ein Menschenrechtsverletzer und Wahlfälscher war.

10. Ach ja, und einerseits – das ist eine persönliche Erfahrung – bringen „Wow, geil!“ und „Boah, oarg!“ als Postings mit Bildern eines österreichischen Olympiasiegers mit nacktem Oberkörper (Benjamin Karl) oder einer schwer gestürzten Skifahrerin (Lindsey Vonn) in angeblich sozialen Medien wie Instagram und Facebook über 500.000 (!) Aufrufe. Andererseits interessiert es nicht nur dort vergleichsweise wenige Leute, wenn man einen kritischen Text über die politischen Aspekte der Olympischen Spiele schreibt.


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