Chris Brown hat seit über zehn Jahren den Ruf als Frauenschläger an der Backe. Trotzdem macht er gute Musik und wurde diese Woche dafür ausgezeichnet – und ausgebuht. Dabei gibt es viele Sänger, die nett trällern, aber nicht unbedingt nett sind. Müssen wir also irgendwann vergeben und vergessen?

Anfang der Woche wurden in den USA die American Music Awards vergeben und unter den zahlreichen Gewinnern war auch Chris Brown. Der Mann, der seit 13 Jahren weniger für seine Musik, sondern eher dafür bekannt ist, Rihanna verprügelt zu haben. Er wurde als «beliebtester R’n’B Künstler» ausgezeichnet.

Ganz so beliebt schien er beim Publikum dann aber offenbar doch nicht: Als er als Gewinner verkündet wurde, hagelte es Buhrufe. Das musste er allerdings nicht hören, denn Brown war gar nicht anwesend. Ein bisschen Unterstützung gab's aber doch: Ex-«Destiny’s Child»-Sängerin Kelly Rowland, die den Preis übergab, sagte dem Publikum, es solle sich mal «entspannen». Und: «Ich möchte Chris dafür danken, dass er so tolle R’n’B Musik macht und ein grossartiger Performer ist. Ich liebe dich, Gratulation.»

Auf die Frage, ob Chris vergeben werden sollte, sagte sie nach der Show: «Uns allen muss vergeben werden, für alles, was wir tun und alles, was wir denken.» Ähm…

Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Auch Sängerin Jordin Sparks sagte einen Tag später gegenüber «TMZ», sie sei «schockiert». Der Vorfall mit Rihanna «sollte nicht mal mehr diskutiert werden» und sein Talent sollte im Mittelpunkt stehen. Wirklich?

Für alle, die unter einem Stein leben – oder nicht ganz so Promi-besessen sind wie ich: Chris Brown und Rihanna waren DAS junge Musik-Traumpaar. Bis sie 2009 im Auto in einen Streit gerieten, der gewalttätig wurde. Rihanna kam mit mehreren Verletzungen im Gesicht ins Spital und Browns Ruf änderte sich wortwörtlich über Nacht vom gefeierten Musiker zum Frauenschläger.

Ja, er war jung und dumm, aber das war keine Dummheit. Es war ein Verbrechen und er wurde dafür zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Auch danach kam er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt – auch durch falsche Beschuldigungen –, was stets für fette Schlagzeilen sorgte. Müssen wir darum Mitleid haben oder ihm vergeben? Rihanna hat es offenbar getan. Sie war danach sogar noch mal für gefühlt drei Sekunden mit ihm zusammen.

Ich habe damit etwas mehr Mühe. Obwohl Chris Brown mir natürlich nie etwas getan hat und ihm meine Meinung vermutlich ziemlich Wurst ist. Aber ich habe ein absolutes Elefantenhirn, wenn es um Popkultur geht. Ich wünschte, ich könnte das auch bei anderen, wirklich nützlichen Themen. Aber mein Talent liegt nun mal darin, dass ich mir irgendwelche Promifakten auf ewig merke. Ich kann zum Beispiel aus dem Stand sagen, wie Justin Biebers Mami heisst oder die Kardashians nach Grösse ordnen. Aber zurück zum Thema.

Eine Frage taucht immer wieder auf: Können wir oder sollen wir oder dürfen wir überhaupt Künstler von ihren Werken trennen und gute Musik von schlechten Menschen mögen? Wir alle haben Lieblingssongs, die wir jedes Mal lauthals mitgrölen. Aber was, wenn rauskommt, dass wir Fan von einem – Entschuldigung – A-Loch sind?

Dummerweise haben nicht gerade wenige Musiker in irgendeiner Form Dreck am Stecken. Und sorry, wenn ich jetzt jemandem den Tag versaue, aber hier ein paar Beispiele:

Kanye West. Muss man noch mehr dazu sagen?

R. Kelly trällerte zwar zauberhaft «I Believe I Can Fly», aber spätestens seit er nach jahrelangen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gesprochen wurde, werden seine übrig gebliebenen Fans seine Songs wohl lieber mit sehr guten Kopfhörern «geniessen».

Nicki Minaj hat einen verurteilten Mörder und Vergewaltiger geheiratet. Zugegeben, sie selbst hat kein Verbrechen begangen, problematisch ist es trotzdem.

Mark Wahlberg, den ich hier rasch zu den Musikern zähle, weil er mal als Rapper Marky Mark berühmt war, wurde als Teenager verhaftet, weil er zwei asiatische Männer rassistisch beleidigt und verprügelt hat. Einen davon bis zur Bewusstlosigkeit. Lange hielt sich übrigens das Gerücht, eines der Opfer sei sogar auf einem Auge erblindet. Das stimmt nicht. Immerhin.

«Aerosmith»-Sänger Steven Tyler hatte in den 70er-Jahren eine Beziehung mit einer 16-Jährigen, die er mit dem Segen ihrer Eltern adoptierte, damit er sie mit auf Tour nehmen konnte.

Und Chuck Berry hat unter anderem Frauen heimlich in einem seiner Restaurants auf der Toilette gefilmt.

Manche Sänger stehen zu ihren Fehlern oder haben sich sogar gebessert. Aber längst nicht alle. Und wenn die dunkle Vergangenheit ab und zu wieder ans Licht kommt, heisst es oft einfach: Hey, das ist schon ewig her und die Zeiten waren damals halt einfach anders. So gesehen muss Chris Brown nur abwarten.

Schlussendlich sind Stars auch nur Menschen und nur weil sie nett trällern, müssen sie nicht nett sein. Ob man ihre Songs trotzdem hören will, muss jeder selbst entscheiden. Aber wie gesagt: Ich habe ein Elefantenhirn was das angeht. Wenn ich den Namen Chris Brown höre, denke ich nicht an seine Musik, sondern an das grün und blau geschlagene Gesicht von Rihanna. Natürlich kann man ihm trotzdem Preise verleihen, aber von mir aus kann er sich die dort hinschieben, wo die Sonne nicht scheint. Gratulation.

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«Entspannt euch mal» – Gute Sänger, schlechte Menschen und die Frage: Ist es Zeit Chris Brown zu vergeben?

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27.11.2022

Chris Brown hat seit über zehn Jahren den Ruf als Frauenschläger an der Backe. Trotzdem macht er gute Musik und wurde diese Woche dafür ausgezeichnet – und ausgebuht. Dabei gibt es viele Sänger, die nett trällern, aber nicht unbedingt nett sind. Müssen wir also irgendwann vergeben und vergessen?

Anfang der Woche wurden in den USA die American Music Awards vergeben und unter den zahlreichen Gewinnern war auch Chris Brown. Der Mann, der seit 13 Jahren weniger für seine Musik, sondern eher dafür bekannt ist, Rihanna verprügelt zu haben. Er wurde als «beliebtester R’n’B Künstler» ausgezeichnet.

Ganz so beliebt schien er beim Publikum dann aber offenbar doch nicht: Als er als Gewinner verkündet wurde, hagelte es Buhrufe. Das musste er allerdings nicht hören, denn Brown war gar nicht anwesend. Ein bisschen Unterstützung gab's aber doch: Ex-«Destiny’s Child»-Sängerin Kelly Rowland, die den Preis übergab, sagte dem Publikum, es solle sich mal «entspannen». Und: «Ich möchte Chris dafür danken, dass er so tolle R’n’B Musik macht und ein grossartiger Performer ist. Ich liebe dich, Gratulation.»

Auf die Frage, ob Chris vergeben werden sollte, sagte sie nach der Show: «Uns allen muss vergeben werden, für alles, was wir tun und alles, was wir denken.» Ähm…

Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Auch........

© Oltner Tagblatt


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