Merz und das »ganz große Wir«
In seiner Neujahrsansprache beschwor der Bundeskanzler die Lebenslüge der alten Bundesrepublik, eine »klassenlose Gesellschaft« zu sein. »Unsere Wirtschaft« stehe unter Druck, »unser Wohlstand« sei in Gefahr – doch »Deutschland sei ein großartiges Land«, das immer wieder »neuen Zusammenhalt stiften« konnte. Die Ideologie der NS-Volksgemeinschaft steckte noch in den Köpfen, als der Soziologie Helmut Schelsky (1957) eine »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« ausrief. Diese Vorstellung von einem »ganz großen Wir« gilt bis heute als gesunder Menschenverstand. Gesellschaft erscheint als nationaler Organismus, in dem alle arbeitsteilig zusammenwirken. Interessengegensätze werden bagatellisiert.
So klingt Friedrich Merz’ Floskel vom »wir als Land« verdächtig nach Kaiser Wilhelm, der 1914 keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche kannte. Damals wie heute soll Frieden durch »Abschreckungsfähigkeit« gesichert werden. Die Folge: Rekordgewinne für Unternehmen, »engere Gürtel« für arbeitende Menschen.
»Damit unsere Wirtschaft wieder Tritt fasst, © Neues Deutschland
