Dota Kehr: Kleingeld zu Gold
Dota Kehr ist einfach ein leuchtender Stern am Songpoetenhimmel: Musikalisch erfindet sie sich immer wieder neu, und sie kann in frappierend originelle Worte fassen, was einen fertig oder glücklich macht. Sie liefert Destillate dessen, was den Wahnsinn dieser Welt ausmacht. Vor einem Jahr hat meine Jüngste sie für sich entdeckt: auf der Berliner Demo gegen die Kürzungspolitik des Berliner Senats. In ihren Spotify-Playlisten hat Kehr seitdem einen festen Platz. Erst da habe auch ich mir dort Lieder von ihr mal richtig angehört, obwohl ich wusste, dass sie schon mehr als 20 Jahre im Singer-Songwriter-Geschäft ist.
Lieblingssong: Zu abgelenkt. »Es reicht gerade noch für Fotos und Kommentare / Für die Empörung über irgendwessen Haare / Nicht mehr für große Utopien, nur für einfache Kategorien / die verarmten Massen – vereinzelt und abgehängt / und einfach zu abgelenkt / zu einfach abgelenkt.« Und weiter: »In süßer Hypnose / Gedanken schwirrn lose / wie Fruchtfliegen um mich her / Ich dreh den Kopf, ich fang sie nicht / in Bildschirmnarkose / Ich spür gar nichts mehr / und fliege direkt ins Licht.«
Und natürlich gibt es unzählige weitere: politisch viele wie »Wenn dir das reicht«, aber auch melancholische Liebeslieder und vieles von slapstickhaftem Witz und voller Ironie wie das vom Bademeister.
Diese Woche haben die Veranstalter des Rudolstadt Festivals bekanntgegeben, dass Kehr im Juli den deutschen Weltmusikpreis »Ruth« bekommt. Man würdige damit ihr Mascha-Kaléko-Programm »In der fernsten der Fernen«, teilte die Jury mit. Und: Kehr habe den »ironisch-zärtlichen, oft aber auch melancholischen Ton von Kalékos Großstadtlyrik der 1920er-Jahre in feine Töne gegossen«, sodass die Gedichte klängen, als seien sie gerade erst in genau dieser Text-Musik-Form geschrieben worden.
Die Ehrung ist erfreulich, und zugleich möchte man sagen: Dota Kehr hat eigentlich jeden Musik-, Kabarett- und sonstigen Preis verdient. Und einige hat sie ja auch vorher schon bekommen, zum Beispiel zweimal den renommierten Deutschen Kleinkunstpreis (2011 und 2019).
Kehr ist übrigens nicht nur Sängerin, Dichterin, Komponistin, Instrumentalistin, Produzentin und Chefin ihres eigenen Labels, sondern auch noch Ärztin. Schon vor und während des Medizinstudiums trat sie als Straßenmusikerin auf. Gemeinsam mit vier Musikern bildet die 1979 in Westberlin geborene und aufgewachsene Künstlerin eine Band, die ihren Vornamen trägt. Deren Webseite und Label heißen übrigens so, wie Kehr sich früher nannte: Kleingeldprinzessin.
