Ohne wissenschaftliche Debatte keine Demokratie

Zum zweiten Mal in Folge hat die Bewegung »Stand Up for Science« für Schlagzeilen gesorgt. Die Bewegung entstand in den Vereinigten Staaten und hat in zahlreichen Ländern, darunter Frankreich, Fuß gefasst. Sie spiegelt eine tief sitzende Sorge wider: die Verdrängung, Infragestellung und Instrumentalisierung des wissenschaftlichen Diskurses – bis hin zu dessen Diskreditierung – in der Öffentlichkeit. Wir erleben einen paradoxen Moment. Nie zuvor war die Wissenschaft so präsent in unserem Leben – von Gesundheitskrisen bis hin zu Klimaproblemen, von technologischen Innovationen bis zu politischen Entscheidungen –, und doch wurde sie nie zuvor so stark angegriffen, ihre gesellschaftliche Legitimität so untergraben.

Im Vergleich zu anderen Bewegungen von Forschern und Akademikern ist »Stand Up for Science« nicht einfach nur eine Forderung nach Ressourcen, so real und dringend diese Forderung auch sein mag. Es ist ein Weckruf an die Gesellschaft. Ein Weckruf angesichts des Umgangs unserer politischen, medialen und wirtschaftlichen Eliten mit Wissen und Komplexität.

Wissenschaft ist keine unveränderliche Wahrheit. Es handelt sich um einen Prozess, eine Methode, eine Entwicklung, die auf Hypothesen, Widersprüchen und Hinterfragung beruht. Und genau das greifen US-Präsident Trump und seinesgleichen an.

Diejenigen, die sich für die Wissenschaft einsetzen, verteidigen eine Wissenschaft, die nicht gänzlich politischen Rechtfertigungen oder wirtschaftlichen Interessen untergeordnet ist. Die Möglichkeit von Wissen, das seine Autonomie in der Produktion und seine Fähigkeit, etablierte Ideen und vorgefertigte Narrative infrage zu stellen, bewahrt. Die Bewegung »Stand Up for Science« stellt eine grundlegende Frage: Welchen Stellenwert wollen wir Wissen und Komplexität in unseren Gesellschaften einräumen?

Tatsächlich geht es nicht einfach nur darum, »die Wissenschaft zu verteidigen«. Wie Olivier Berné, Astrophysiker und Ko-Leiter des Kollektivs »Stand Up for Science France«, erklärt, geht es darum, »unsere gemeinsame Fähigkeit zu verteidigen, die Realität zu beschreiben und auf der Grundlage von Fakten zu debattieren«. Es geht also darum, die Voraussetzungen für eine informierte und vernünftige öffentliche Debatte und letztlich die Demokratie selbst zu verteidigen.

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie: ob nun die französische »L’Humanité« oder die schweizerische »Wochenzeitung« (WOZ), ob »Il Manifesto« aus Italien, die luxem­burgische »Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek«, die finnische »Kansan Uutiset« oder »Naše Pravda« aus Prag. Sie alle beleuchten inter­nationale und nationale Entwicklungen aus einer progressiven Sicht. Mit einer Reihe dieser Medien arbeitet »nd« bereits seit Längerem zusammen – inhaltlich zum Beispiel bei unserem inter­natio­nalen Jahresrückblick oder der Übernahme von Reportagen und Interviews, technisch bei der Entwicklung unserer Digital-App.

Mit der Kolumne »Die Internationale« gehen wir einen Schritt weiter in dieser Kooperation und veröffentlichen immer freitags einen Kommentar aus unseren Partnermedien, der aktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Das können Ereignisse aus den jeweiligen Ländern sein wie auch Fragen der »großen Weltpolitik«. Alle Texte unter dasnd.de/international.


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