Stefan Raab und Gil Ofarim: Das ist nicht lustig

Ich habe mich in den vergangenen Jahren sicher ein paar Mal etwas dusselig angestellt, wenn es darum ging, die jeweils aktuellen Verhaltensregeln und Ausdrücke nachzuvollziehen, die in Sachen kultureller Aneignung, Kolonialismus und Antirassismus irgendwo als verbindlich dekretiert worden waren. Das lag vielleicht an dieser fürchterlichen Aversion gegen das Glauben-Müssen. Vielleicht aber auch daran, dass schwarze (»Schwarze«?) Bekannte oft sehr belustigt reagiert hatten, als ich ihnen davon berichtete, was wieder mit urdeutscher Gründlichkeit ersonnen worden war.

Ich habe bei allem Befremdetsein nie angezweifelt, dass das Anliegen absolut berechtigt und drängend ist. Rassismus ist und bleibt nicht nur im täglichen Zusammenleben hierzulande die Pest. Er ist mittlerweile Staatsräson in den USA. Von ICE bis zum Präsidenten. Googlen Sie die Rassismus-Debatten der vergangenen fünf Jahre nach – kaum ein Anlass war so proto-rassistisch wie Donald Trumps Video, in dem er die Obamas als Affen darstellte.

Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet in seiner wöchentlichen nd-Kolumne »Platzverhältnisse« politische und sportliche Begebenheiten.

Umso erstaunlicher eigentlich, wie routiniert die Reaktionen darauf ausfielen. In den USA wie hierzulande waren sie sehr weit davon entfernt, dem Anlass angemessen zu sein. Ich glaube, es würde sich lohnen, mal darüber nachzudenken, ob das nicht auch daran liegen könnte, dass manche vergleichsweise spitzfindige Rassismus-Debatte der vergangenen Jahre schon mit einer Verve geführt wurde, die kaum noch eine Steigerung zuließ. Und irgendwie sind mir aus den vergangenen Monaten auch noch unzählige Anlässe im Zusammenhang mit Gaza erinnerlich, in denen ich das Gefühl nicht loswurde, dass einige von denjenigen, die behaupteten, Kritik am israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sei legitim und mitnichten bereits antisemitisch, dann doch jede Kritik an ihm als antisemitisch brandmarkten.

Umso fassungsloser war ich vor ein paar Tagen, als ich las, welchen Gag sich Stefan Raab in Sachen Gil Ofarim, der am Sonntag zum »Dschungelkönig« gewählt wurde, geleistet hatte. Beim Tatvorwurf des »Betrugs« auf »Gene« zu kommen, auf einen imaginierten Onkel Samuel, dazu einen verschlagenen Obst-Dieb und tanzende ultraorthodoxe Juden – das ist nicht mehr und nicht weniger als die (Bild-)Sprache von »Stürmer« und »Jud Süß«. Dass Raab nicht weiß, was er tut, ist bedauerlich, aber seit Jahrzehnten klar. Dass sein Sender versucht, mit der jämmerlichen Phrase durchzukommen, es handle sich um »bewusst überzeichnete, fiktionale und teils absurde Bilder und Geschichten«, ist ein schlechter Witz. Allerdings einer, der zeigt, dass bei einem der größten deutschen Sender offenbar niemand arbeitet, der auch nur das Geringste über Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus weiß. RTL hat die entsprechende Folge inzwischen aus ihrem Streamingangebot entfernt.

Die Aufregung darüber fiel allerdings auch hier eher homöopathisch aus, gemessen am Anlass sogar skandalös gering. Ich glaube, es würde sich lohnen, beides – Trump und Raab – sehr ernstzunehmen. Wenn man die Zivilisation verteidigen will, geht es jetzt nicht mehr um die Hausordnung im Mikrokosmos, sondern um einen gesamtgesellschaftlichen Kulturkampf, in dem man es sich nicht leisten kann, allzu viele Wohlmeinende zu verprellen. Denn es ist längst nicht ausgemacht, wer am Ende gewinnt.


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