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Marco Rubio: Freundlich in den Abgrund

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16.02.2026

Man kann nicht behaupten, dass wir Medien uns zu wenig mit der AfD beschäftigen. Selten geht es dabei allerdings um ihre Haltung zum Klimawandel, dabei ist (auch) die an Schwachsinnigkeit nicht zu überbieten. Ihr klimapolitischer Sprecher Karsten Hilse sprach schon 2018 von der »Irrlehre des von Menschen gemachten Klimawandels.« Vor ein paar Tagen hat er nachgelegt. Ein »Klimakult« habe die Gesellschaften »verarmen lassen«, weshalb man dringend wieder auf die Fossilen setzen müsse. Dass einer wie Hilse keine Rede hält, ohne auf Migranten einzudreschen, ist klar: »Wir haben unsere Türen für eine beispiellose Welle der Massenmigration geöffnet, die den Zusammenhalt unserer Gesellschaften, die Kontinuität unserer Kultur und die Zukunft unserer Menschen bedroht.«

Sie haben es längst gemerkt, die letzten beiden Zitate kommen nicht von der AfD, sondern vom US-Außenminister Marco Rubio. Und wenn Sie jetzt jemandem erklären müssen, warum die gleichen deutschen Politiker, die die AfD gerne verbieten lassen würden, danach stehend Applaus spendeten – dann haben Sie ein Problem. Wobei: Heute klingt Klimaleugnertum für viele Menschen ja nicht mehr so hirnverbrannt wie noch 2018. Man verhält sich stattdessen wie ein Kleinkind, das mit dem Dreirad auf eine Klippe zurast und heult, wenn sich ihm jemand in den Weg stellt. Auf dem Dreirad von AfD und Trump-Administration wird nicht nur derjenige verflucht, der sich ihm in den Weg stellt. Man behauptet einfach, es gebe gar keine Klippe.

Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet in seiner wöchentlichen nd-Kolumne »Platzverhältnisse« politische und sportliche Begebenheiten.

Aber den Applaus hat Rubio in München ja auch weder für seine ökologische Expertise noch für die ideologische Unterfütterung der ICE-Schreckensherrschaft bekommen, sondern weil er angeblich so freundlich über Europa gesprochen hat. Da Vinci, Beethoven, ein gemeinsames Erbe und so. Und überhaupt: Alles wird gut, wenn Europa nach Trumps Pfeife tanzt. Ansonsten gilt der Rammstein-Song »Amerika« von 2004: »Und wer nicht tanzen will am Schluss, weiß noch nicht, dass er tanzen muss.«

Einer, der auch stehend applaudiert hat, ist der große Transatlantiker Friedrich Merz (CDU), der – für seine Verhältnisse geradezu frech – trotzdem ausgesprochen hat, dass man sich nicht mehr alleine auf die USA verlassen könne, der das aber natürlich primär als Legitimation für eigene Hochrüstung verstanden haben will. Auch in der Öffentlichkeit scheint Erleichterung über eine nach europäischen Maßstäben klassisch rechtsradikale Rede zu herrschen. Papa hat zwar die halbe Familie verprügelt und das geliebte Karnickel Hansi roh verspeist, aber immerhin hat er nett dabei gelächelt.

Die in Westdeutschland gängige Lebenslüge, wonach die USA ein zwar manchmal etwas schrulliger, aber im Grunde doch gutmeinender großer Bruder seien, wurde in Frankreich so nie geteilt. Und so ist es wohl kein Zufall, dass es wieder ein französischer Präsident ist, der die US-Administration nicht nur durchschaut hat, sondern der das auch so sagt: »Sobald jeweils der Höhepunkt einer Spannung vorbei ist, setzt eine feige Erleichterung ein, jetzt wird alles gut«, attestiert Emmanuel Macron der EU. Und widerspricht: »Glauben Sie das keine Sekunde lang. Jeden Tag, jede Woche wird es neue Drohungen geben.«


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