Bundeswehr: Der Ausreiseantrag fürs Vaterland ist das Mindeste

Die Aufregung war groß, als bekannt wurde, dass das neue Wehrdienstgesetz Männern zwischen 17 und 45 Jahren vorschreibt, Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten von der Bundeswehr genehmigen zu lassen. Diese Regelung traf alle Männer gleichermaßen hart. Ob Fliesenleger oder Sozialpädagoge: Jeder fürchtete plötzlich, die Bundeswehr könnte seinem wohlverdienten Sabbatical samt sorgfältig geplanter Rundreisen durch Südostasien und Lateinamerika einen Strich durch die Rechnung machen.

Da half auch nicht, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius umgehend nachschob, es handele sich um eine Regelung, die ausschließlich im Ernstfall gelte. Also im Krieg – und der hat bekanntlich seine ganz eigenen Gesetze. So ist es im Frieden den meisten Menschen strikt untersagt, mit scharfer Munition auf andere zu schießen. Im Kriegsfall hingegen ist es sogar erwünscht!

Diese Feinheiten der Wehrgesetzgebung sind vielen schlicht nicht geläufig. Stattdessen regiert die Empörung. Doch käme es tatsächlich zum Ernstfall, wäre eine Genehmigung für längere Auslandsaufenthalte vermutlich eine der Unannehmlichkeiten, die deutlich weniger ins Gewicht fielen als etwa eine russische Langstreckenrakete, die den mühsam gepflegten Vorgarten in eine Kraterlandschaft verwandelt. Oder das allabendliche Jaulen der Mutantenzombies nach der atomaren Apokalypse.

Warum also die Aufregung wegen eines kleinen Ausreiseantrags? In Deutschland gehört es doch zur guten Sitte, die Urlaubsplanung frühzeitig vorzunehmen. In vielen Betrieben steht sie bereits fest, noch bevor das Kalenderjahr überhaupt begonnen hat. Wer es schafft, seinen Jahresurlaub minutiös mit allen Kolleginnen und Kollegen abzustimmen, der dürfte wohl auch die Zeit finden, den zuständigen Herren im Kreiswehrersatzamt mitzuteilen, dass man in den kommenden drei Monaten leider nicht am Dritten Weltkrieg teilnehmen kann – schließlich ist der Strandurlaub auf Teneriffa längst gebucht und bezahlt.

Wenn deutsche Männer nicht einmal bereit sind, im Ernstfall diese kleine Formalität zu erledigen, dann könnte man das Land auch gleich kampflos an Wladimir Putin übergeben. Das wäre ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich in den vergangenen Jahren mit großem Einsatz darum bemüht haben, die Bundesrepublik wehrtüchtig zu machen. Besonders für Boris Pistorius dürfte ein solches Szenario eine herbe persönliche Enttäuschung darstellen.

Dann hätte man die Milliarden aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr auch gleich anderweitig investieren können – etwa in den sozialen Wohnungsbau oder in einen würdevollen Gedenkort für den legendären Wal Timmy. Doch nun ist das Geld bei der Bundeswehr, und es wäre geradezu Verschwendung, wenn sich das Land nicht verteidigen würde.

Und falls der Iwan wider Erwarten doch nicht angreift – was angesichts der deutschen Aufrüstungsbemühungen fast ein wenig schade wäre –, dann findet sich für die modernisierte Armee sicherlich ein neuer Auftrag. Vielleicht unter einer zukünftigen Regierung, etwa unter Björn Höcke. Gegen wen es dann gehen wird, bleibt abzuwarten. Doch bis dahin bin ich längst auf Teneriffa.


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