We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Bitte nicht jammern! – Unsere Moderne ist die beste, die wir je hatten

5 2 0
15.06.2019

2019 ist das Jahr der Pessimisten. Ob Klimawandel oder Rechtsruck, ob Politikverdrossenheit oder demografischer Wandel – wohin der Blick auch fällt, die Menschheit scheint sich immer mehr von ihrem humanistischen Kern zu entfernen und in ein Zeitalter der Zerstörung hineinzustolpern, das überhaupt keine Dystopien mehr kennt, weil es sich die Dystopien jeden Tag selbst erschafft.

Gerade die Diskussion um die fortschreitende Erderwärmung gibt Anlass zur Panik. Und ja, wenn man der Debatte folgt, kann man gar nicht anders, als zu schlussfolgern, dass nicht der Klimawandel derart umstritten ist, sondern eher die Frage, ob der Mensch irgendwann einwilligen wird, seinen hohen Lebensstandard herunterzuschrauben zugunsten der Rettung der Welt. In Wirklichkeit stecken hinter dem Leugnen des Klimawandels purer Fatalismus und der Wille, den Globus zugrunde zu richten und die desaströsen Konsequenzen für die nächste Generation schulterzuckend hinzunehmen. Das kann man tun. Nachhaltig ist es nicht.

Trotz der Klimakrise, der drohenden Eskalation im Nahen Osten, der Wahl des Chauvinisten Donald Trump und den fortschreitenden Destabilisierungen, die der globalisierte Konsumwille und seine ideologischen Verhärtungen voranpeitschen, gibt es durchaus Grund zum Optimismus. Denn der Mensch hat in wesentlichen Punkten dazugelernt.

Durch den Streit und den offenen Austausch von Meinungen hat sich eine Gesellschaft etabliert, in der Positionen ehrlich und schonungslos geäussert werden können.

Ein schönes Beispiel für den Fortschritt, den wir uns alle als Menschheit erarbeitet haben, hat jüngst der französische Soziologe Michel Serres in dem kleinen Bändchen «Was genau war früher besser? Ein optimistischer Wutanfall» aufgeschrieben. Dort erinnert er die Zivilisationsskeptiker und Nostalgiker daran, wie die Welt vor einigen Jahrzehnten ausgesehen hat. Er schreibt: «Früher wurden wir von Mussolini und Franco regiert, von Hitler, Lenin und Stalin, Pol Pot, Ceausescu . . . alles gute Leute, ausgewiesene Spezialisten für Vernichtungslager und Folter.» Serres geht noch weiter: Er erinnert daran, wie schlecht die medizinische Versorgung war, wie gering die Lebenserwartung, wie schwierig der Alltag. Der Frieden war immer bedroht, das Leben war eine Last. Man kann sagen: Besser ging es den Menschen........

© Neue Zürcher Zeitung