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Gegen Peking haben Hongkongs Demonstranten keine Chance – trotzdem ist es richtig, dass sie sich wehren

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14.06.2019

Was bringt eine Million Menschen dazu, für etwas zu kämpfen, das viele schon für verloren halten? Warum stehen Jung und Alt bei brütender Hitze zusammengepfercht in den Strassenschluchten Hongkongs, wenn das System, das ihre Stadt ausmacht, ohnehin ein Ablaufdatum hat? 2047 läuft der Sonderstatus der Stadt aus. So sieht es der Vertrag vor, den die britische Premierministerin Margaret Thatcher mit dem damaligen starken Mann Chinas, Deng Xiaoping, ausgehandelt hatte und der 1997 mit der Rückgabe der britischen Kronkolonie an Peking vollzogen wurde. Danach hat Peking freie Hand. Lohnt es sich überhaupt, für «ein Land, zwei Systeme» zu kämpfen, wenn dieses Arrangement in 28 Jahren ohnehin zu Ende geht?

Für einen Siebtel der Bevölkerung der Sonderverwaltungsregion Hongkong – so die offizielle Bezeichnung – ist die Antwort eindeutig: Ja. Es sei schlicht Teil der DNA der Hongkongerinnen und Hongkonger, dass sie für ihre Freiheit kämpften, schreibt die lokale Zeitung «South China Morning Post». Aus Fernsehinterviews wird ebenso klar wie aus unzähligen Posts in sozialen Netzwerken: Ein imposanter Anteil der 7,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Hongkongs sieht es ganz einfach als Bürgerpflicht an, sich gegen die Erosion des Rechtssystems zu wehren. Für ihre Freiheit legen sie sich auch mit der übermächtigen Kommunistischen Partei Chinas an.

Dabei geht es vordergründig um etwas, das andernorts wohl nur Juristen beschäftigen würde: um ein Gesetz über die Auslieferung von Verdächtigen an andere Gerichtsbarkeiten. Weil es aber auch die Auslieferung an das chinesische Festland ermöglicht, ist dieses Gesetz in Hongkong hochexplosiv. Damit erhält die chinesische Justiz die Möglichkeit, gegen Personen in Hongkong vorzugehen, die für sie bisher unerreichbar waren.

Die Hongkonger Regierung sagt, das Gesetz sei nötig, weil die Sonderverwaltungsregion sonst ein Hafen für Kriminelle werde. Doch viele Einwohner sehen Hongkong vielmehr als sicheren Hafen, in dem man das tun kann, was die KP Chinas auf dem Festland verbietet und unterdrückt: In Hongkong darf öffentlich gesagt........

© Neue Zürcher Zeitung