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Ein Benefit für jene, die wirklich etwas zum Erhalt der Umwelt beitragen – für einen ökologischen Kommunitarismus

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17.06.2019

Ich bin 1969 geboren und in einer Zeit aufgewachsen, in der die Welt in zwei Blöcke geteilt war. Mein Vater ist als junger Mann aus der DDR geflohen. Eines Nachts hat er heimlich die Wohnung seiner Eltern verlassen, ist nach Ostberlin gereist und hat die Grenze über­­quert. In der BRD musste er in ein Sammellager und dann für einen niedrigen Lohn auf einem Bauernhof arbeiten. Später hat er als Bergmann in einem Stollen tief unter der Erde schwarze Kohle gefördert. Als ich fünf Jahre alt war, sind wir in ein kleines Dorf gezogen, an den westlichen Rand der Republik. Meine Mutter stammte von dort. Von diesem Dorf aus ist mein Vater über dreissig Jahre lang jeden Tag in die gleiche Fabrik gependelt. Erst als einfacher Arbeiter, dann als Schichtführer und zuletzt als technischer Angestellter.

Mein Vater war Mitglied der Gewerkschaft und hat SPD ge­wählt. Wir Kinder interessierten uns dagegen für Umweltschutz. Uns haben das Wald­sterben, das Ozonloch und die Katastrophe von Tschernobyl bewegt. Wir waren gegen Atomkraft und das Abschlachten der Robben. Im ganzen Haus hatten wir Aufkleber an den Zimmertüren angebracht, auf denen Indianer-Sprüche über die Weisheit der Natur und die Dummheit der Menschen standen. Wir drängten darauf, dass wir alle keine Spraydosen mehr benutzten. Meinen Vater konnten wir davon überzeugen, kein Trinkwasser mehr zum Autowaschen zu verwenden. Und das Pflanzenschutzmittel für unseren Garten wurde auch zum Tabu. Meine Eltern haben die Aufkleber nie entfernt, selbst als wir schon lange ausgezogen waren.

Obwohl ihn das nie interessiert hat, war die Ökobilanz meines Vaters deutlich besser, als unsere jemals sein wird. In seinem ganzen Leben ist er nur dreimal mit dem Flugzeug geflogen. Er war stets äusserst sparsam, hat uns immer ermahnt, das Licht auszuschalten, wenn wir nicht in unseren Zimmern waren. Und geheizt wurde sowieso nur so viel wie nötig. Die Askese meines Vaters war nicht dem Umweltschutz geschuldet. Er hasste es, wenn man den Sachen schon beim Kauf ansehen konnte, dass sie nicht besonders lange halten würden. Wenn wir forderten, alle Menschen müssten ihre Lebensweise ändern, verspottete er uns als «Ökos». Er fand uns konsumistisch. Und damit hatte er........

© Neue Zürcher Zeitung