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Gefangen zwischen Moral und Zeitgeist – wie (tages-)politisch darf die Kirche sein?

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16.05.2019

Hohe Türme, ausladende Kirchenschiffe, weite Vorplätze – die architektonische Dominanz sakraler Bauten zeugt vom einstigen Gewicht der Kirchen in Europa. Doch dringt zunehmend Leere in die Stille hinter den Kirchenpforten: Nahezu stetig gehen die Mitgliederzahlen der katholischen wie der protestantischen Kirchen zurück, der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes ist in der Schweiz und in Deutschland nur für die Minderheit ein geliebtes Ritual. Es scheint, als halte die konfessionelle Identifikation dem rapiden gesellschaftlichen Wandel nicht stand.

Aber ist das Verhältnis von Kirche und Demokratie nicht ohnehin konfliktgeladen? Was sie trennt, ist der Umgang mit Wahrheit und Transparenz. Sucht der Glaube Sicherheit im absoluten Wahrheitsanspruch, gründet die Demokratie auf wackeligem Terrain: Werte und Normen gehen nach Antonio Gramsci aus Diskursen hervor; sie haben nur so lange Bestand, wie die Mehrheit der Bürger ihnen Legitimität zuspricht. Selbst die Verfassung ist Ergebnis jahrhundertelanger Kämpfe und damit abhängig vom gesellschaftlichen Konsens.

Auch die Obliegenheit zur Transparenz scheidet demokratischen Anspruch von kirchlicher Praxis: Nicht nur architektonisch wirken dicke Kirchenmauern im Kontrast zu den........

© Neue Zürcher Zeitung