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Europa und der freundliche Weckruf aus Washington

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25.05.2019

Dr. Kurt Fina, dem Lateinlehrer, lag Europa am Herzen – im Herbst 1958, am Beginn unserer Gymnasialzeit, acht Jahre nachdem der französische Aussenminister Robert Schuman mit grosszügiger Geste dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer eine aktive Zusammenarbeit zwischen ihren seit Jahrhunderten unversöhnlichen Nationen angeboten hatte. Lateinische Grammatik, sagte Dr. Fina, sollten wir lernen, um uns anhand des römisch-antiken Reichs ein Europa der Zukunft als geeinten Erdteil vorstellen zu können.

So einleuchtend diese Worte schon für uns Zehnjährige klangen, wirklich faszinierend an der lateinischen Kultur fanden wir eher das, was ganz verschieden von der eigenen Welt wirkte: die bunten Götter und ihre bizarren Geschichten, Gladiatorenkämpfe mit tödlichem Ende oder Cäsar, der seine Legionen durch Wälder und Sümpfe mitten in unserem Europa geführt hatte. Dr. Fina, erfuhr ich später, war 1924 als «Sudetendeutscher» geboren worden und gehörte so zu einer Minderheit in der damaligen Tschechoslowakei, die nach Kriegsende nicht bleiben durfte. Leute wie er hatten allen Grund, sich nach einer neuen europäischen Heimat zu sehnen.

Für mich hingegen blieb diese Idee immer nur auf freundlicher Distanz. Als ich über das letzte Gymnasialjahr auf ein Lycée in Paris gehen durfte, wünschte ich mir nichts mehr als ein Frankreich, das anders als mein Zuhause schmeckte. Weil aber solche Alternativen in Europa immer weniger zu haben waren, bin ich 1989 nach Kalifornien gezogen. Am Pazifik vermisst niemand Europas diskret dunkelblaue Flagge und die an sie gehefteten Bilder von angenehmer Zukunft. Aus dem Silicon Valley, unserer Intensitätswirklichkeit des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts, blicken wir nach Osten zurück – aus freundlicher Distanz eben und oft mit Erstaunen.

Immer weniger Universitäten von Weltrang sehen wir – von ein paar Schweizer Ausnahmen abgesehen – auf dem alten Kontinent, der sich weiter für das intellektuelle Zentrum des Planeten hält, immer weniger Entdeckungen, welche die Welt verändern, kaum Autoren, Künstler und Musiker, die uns provozieren, so wie Dante, Hodler oder Beethoven ihre Zeitgenossen aufgeweckt haben, immer weniger Bereitschaft vor allem, in Institutionen und Prozesse der Bildung zu investieren. Mit jedem grossen Europäer, der stirbt, scheint eine Epoche zu Ende zu gehen, es folgen bloss Kuratoren,........

© Neue Zürcher Zeitung