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Messie-Syndrom und Aufräum-Manie – haben wir noch alle Tassen im Schrank?

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16.04.2019

Es gibt das Messie-Syndrom, das zwanghafte Sammeln und Anhäufen von Gegenständen beliebiger Art und Herkunft. Es gibt auch das Gegenstück dazu, die Aufräum-Manie. Man könnte dafür den Zwillingsbegriff «Tidie-Syndrom» prägen («to tidy up» = aufräumen). Auf jeden Fall boomt das Genre. Dabei geht es in der Regel nicht bloss um die Ordnung im Küchenregal, im Kleiderschrank oder im Kellergestell, sondern um einen Spiritualismus der Ordentlichkeit. Mit dem Haushalt wird das Selbst aufgeräumt. Hier eine kleine Auswahl an Aufräumliteratur, allein aus dem Jahr 2016.

Da wir offensichtlich genug vom Konsummüll eingedeckt werden, liegt es nahe, diesen als das heimliche «Gift» zu entsorgen, wie uns zum Beispiel Kelly Barber in «The 30 Day Clutter Detox» rät («Die 30-Tage-Gerümpel-Entgiftung»). Monica Mynk fragt im Brustton gläubiger Rechtschaffenheit: «Ungodly Clutter: How Can a Christian Live a Godly Life in a Messy World?» Gerümpel steht auch im Zusammenhang mit Dickleibigkeit. Sie kann ja quasi als Unaufgeräumtheit im eigenen Körper betrachtet werden und Fasten als eine Form physiologischen Entrümpelns. Deshalb empfiehlt Peter Wahl in seinem «Lose the Clutter, Lose the Weight» ein sechswöchiges gemeinsames «Herunterschlanken» von Haushalt und Körper, ein «Total-Life Slim Down».

Die Aufräumberaterin Marin Rose spricht von der «Gerümpelkultur» («Clutter Culture»). Und sie fordert uns auf, unsere «vergiftete Beziehung» zu dieser Kultur aufzugeben, das heisst, «künftigen Generationen eine gesündere Einstellung beizubringen, so dass unsere Kinder nicht mehr ganze Industrien fordern werden, die sich um die ‹Entrümpelung unseres Lebens› kümmern». Solches Bemühen ist löblich, aber nicht widerspruchsfrei. Frau Roses Buch «Breaking Up With Your Stuff: Emotional Homework to End Your Toxic Relationship With the Clutter Culture» baut auf genau jene «ganze Industrie», die sie beseitigen will. 2010 gründete Frau Rose die Beratungsfirma Libra Organizing, die, wie die Website verkündet, «Order, Balance, Beauty» in die Haushalte bringt – vermutlich nicht gratis.

Der Buchmarkt........

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