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2014 – das unterschätzte Wendejahr

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16.03.2019

Manche historische Wendepunkte kündigen sich mit lautem Knall an, andere sind erst aus der zeitlichen Distanz erkennbar. Die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger 1914 oder der Fall der Berliner Mauer führten den Zeitgenossen schlagartig vor Augen, dass eine Ära zu Ende ging. Anders verhielt es sich bei der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim vor fünf Jahren – auch wenn das damalige Geschehen an Dramatik kaum zu überbieten war.

Als Ende Februar 2014 wie durch Zauber militärische Einheiten ohne Erkennungszeichen auf der Krim auftauchten und das dortige Parlamentsgebäude unter ihre Kontrolle brachten, überschlugen sich die Ereignisse. Unter dem Schutz dieser sogenannten «grünen Männchen» ergriffen prorussische Politiker die Macht auf der Halbinsel. Militärisch krass unterlegen, waren die ukrainischen Streitkräfte zum Zuschauen verdammt: Am 16. März ergab eine von den neuen Machthabern eilends organisierte, von internationaler Seite für illegal erklärte Volksabstimmung eine Mehrheit für den Anschluss an Russland. Zwei Tage später setzte Präsident Putin in einer pompösen Feier seine Unterschrift unter die Annexionsurkunde. Erst ein Jahr später gab er zu, was Moskau bis dahin beharrlich geleugnet hatte: Bei den mysteriösen Uniformierten hatte es sich um russische Sondertruppen gehandelt. Die Einverleibung der Krim war eine von langer Hand geplante Militäraktion gewesen.

Die Folgen dieses Coups sind bekannt. Amerikaner und Europäer verhängten Sanktionen, in der Ostukraine stachelte Moskau eine weitere Sezession an, die seither mehr als 12 000 Todesopfer gefordert hat, im Baltikum wuchsen die Ängste vor russischen Übergriffen. In Russland hingegen wurde die «Heimholung» der Krim, eines kulturellen Sehnsuchtsorts und strategischen Vorpostens, euphorisch bejubelt. Für viele Russen war dieser Akt gleichbedeutend damit, dass ihr Land in den Kreis der Grossmächte zurückgekehrt war. Putins Popularität stieg sprunghaft in die Höhe.

Mit der Annexion geschah etwas, das die friedensverwöhnten Europäer seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hatten: die gewaltsame Verschiebung einer Grenze zwischen zwei Nachbarländern, unter völliger Missachtung des Völkerrechts. Gewiss, Moskau konnte historische Ansprüche auf die Krim geltend machen, aber solche Ansprüche wären in Europa dutzendfach denkbar. Die........

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