We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Zürich kann 2049 noch viel schöner sein – wenn man jetzt die Weichen richtig stellt

5 8 0
24.07.2019

Geht es Ihnen besser als Ihren Eltern vor dreissig Jahren? Ob Ja oder Nein: Woran machen Sie das fest? Die Welt verbessert sich in vielen winzigen Schritten, die im Alltag unsichtbar bleiben, weil sie unter einem Berg von Trump-Tweets und sonstigen Breaking News mit kurzer Halbwertszeit begraben liegen. Wer den unglaublichen Fortschritt der Menschheit erfassen will, muss daher etwas hinauszoomen und Jahrzehnte statt Wochen überblicken.

Das gilt nicht nur für die frühere sogenannte Dritte Welt, sondern auch für reiche Orte wie den Kanton Zürich. Wie sah das Leben hier vor dreissig Jahren aus? Es gab noch keine S-Bahn, und das Zugfahren erforderte oft lange Wartezeiten an so malerischen Orten wie dem Bahnhof Effretikon. Im Strassenverkehr gab es viel mehr Unfalltote und kaum Partikelfilter. Die Zürcherinnen und Zürcher dürfen inzwischen ihre Rasenflächen betreten und tun das ausgiebig. Es gibt keine Polizeistunde mehr und dafür Tausende Biersorten statt der Einheitsbrühe vom Bierkartell. Wer im Flugzeug seine Verwandten auf einem anderen Kontinent besuchen will, kann das heute viel leichter tun als 1989; wer beim Wohnen und Reisen lieber Energie sparen will, ebenfalls. Solaranlagen, Fernseher, Autos: Vieles ist seither günstiger und besser geworden.

Mit dem medizinischen Fortschritt sind zwar auch in Zürich die Krankenkassenprämien gestiegen, doch sie sind tiefer als in anderen urbanen Kantonen. Und man erhält etwas für sein Geld: Die Lebenserwartung der Zürcherinnen gehört, wie die aller Schweizer, zu den höchsten der Welt.

Es braucht eigentlich keine ausgeklügelten Studien, um festzustellen, dass es sich in Stadt und Kanton Zürich heute sehr gut leben lässt, haben doch Hunderttausende mit ihren Füssen abgestimmt: Es wohnen wieder 420 000 statt nur 360 000 Personen in Zürich und 114 000 in Winterthur. Glatt- und Limmattal, Ober- und Unterland boomen. Der Kanton hat mehr als 1,5 Millionen Einwohner. Ausser vielleicht am Züri-Fäscht fühlt sich das aber noch lange nicht «voll» an, weil eine klügere Raumplanung zu greifen beginnt und der Naturschutz langsam ernster genommen wird.

Viele dieser Verbesserungen kamen auch dank einer Politik zustande, die zur rechten Zeit die richtigen Grundsatzentscheide fällte und so die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen hat. Doch das ist das Perfide am Fortschritt: Im Alltag ist er oft nicht sicht- und erlebbar, wenn gerade keine Gotthardröhre eröffnet wird. Daher unterschätzt man seine langfristige Wirkung gewaltig. Für reformwillige Politiker ist das ein grosses........

© Neue Zürcher Zeitung