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Deutsche Ausgrenzung

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02.10.2019


Zum Neuen Jahr der Juden 5780 (2020) fühle ich mich, unter vielen anderen, die sich für das Ende der illegalen Besatzung Palästinas einsetzen, ausgegrenzt. Das jüdische Neujahrsfest heißt wörtlich "Kopf des Jahres" und leitet die zehn Bußtage ein, die mit dem Jom Kippur, wörtlich "Versöhnungstag" enden. Liest man die vielen Grußbotschaften zum jüdischen Neujahrsfest, aus Politik und Religion, dann spürt man förmlich die Verklärung einer Religion, die trotz des Holocaust wieder aufblühte in Deutschland – wenn z.B. Kanzlerin Merkel in ihrer Gratulation so blumig formuliert wie: "Es ist ein einzigartiger und wunderbarer Vertrauensbeweis und eine große Bereicherung für unser Land, dass jüdisches Leben nach dem Zivilisationsbruch der Shoa wieder aufblühen konnte... Zugleich braucht es heute wieder mutige Menschen, die für unsere Werte einstehen, um in Frieden und Freiheit zusammenleben zu können."

Ich habe Auschwitz nicht überlebt um zu neuem Unrecht zu schweigen

Als mein Vater 1945 nach Berlin zurückkehrte, befreit aus Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz und Bergen Belsen, allein, Ehefrau und Mutter waren vergast, Vater schon auf Polizeistation gestorben, war es aber trotzdem oder gerade aus diesem Grund sein einziges Lebensziel, wieder ein „normales“ und lebenswertes Leben für Juden in Deutschland aufzubauen. Diese Aufgabe verwirklichte er unter schwierigsten Bedingungen in seiner Stadt Berlin. Was er 1948 begann, führte er bis zu seinem Tod 1992 gegen alle Widerstände zu Ende. Er, der mich zu einer kritischen politischen Bürgerin erzog, frei von Komplexen und Traumata, war ein Unbequemer. Unbequem zu sein für die "Herrschenden", war schon damals nicht einfach, schließlich hatte er noch gegen die ganzen alten Nazis in den neuen Parteien zu kämpfen, die sofort wieder auf die Füße gefallen waren und erfolgreich unterkamen. Man mochte es damals nicht, daran erinnert zu werden, was Deutschland für Unheil speziell gegen Juden, aber auch gegen andere Völker und besetzte Länder angerichtet hatte. Damals war der Antisemitismus noch sehr lebendig. Trotzdem ging er seinen Weg und erreichte sein Ziel, die Berliner jüdische Gemeinde und eine jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu neuem Leben zu erwecken.

Sein Lebensmotto nach der Befreiung "Ich habe Auschwitz nicht überlebt um zu neuem Unrecht zu schweigen" ebte er voll aus und gab es an mich weiter.

Daher fühle ich mich sehr verbunden mit Gideon Levy, dem wichtigen Unterstützer für die Freiheit Palästinas und herausragenden Haaretz-Journalisten. Er schrieb unter dem Titel "Ein anderes Israel: Die Rosch Haschanah meiner Kindheit" am 29.September 2019 einen sehr persönlichen Kommentar in Haaretz, in dem er mit der Unrechtspolitik des "Jüdischen Staates" abrechnet. Nein, ich bin keine israelische Bürgerin, sondern eine deutsche Bürgerin mit jüdischen Wurzeln. Aber unsere Ziele und Gedanken sind sich sehr ähnlich. Levy schreibt "Mein Vater wollte nicht kommen. Er verabscheute die Religion und wusste nichts über die jüdischen Feiertage, obwohl sein Vater die Gemeinde in seiner Stadt leitete. Er kam illegal nach Palästina. In Israel 2019 würden sie ihn einen Eindringling nennen. Damals nannten sie ihn heimlichen Einwanderer. Auf dem Bahnhof in Prag verabschiedete er sich von seinen Eltern und Verlobten die er nie wiedersehen würde. Er verbrachte fünf Monate auf See auf einem illegalen Einwanderschiff (das heute als Flüchtlingsschiff bezeichnet wird), einschließlich der Inhaftierung in Beirut, in einer Einrichtung, die man heute in Israel 'Holot' nennen würde, der Haftanstalt für afrikanische Asylbewerber. Wir wussten nichts über Transitlager für Einwanderer oder ethnische Gemeinschaften. Wo das Tel Aviver Dizengoff Center heute steht, war ein Transitlager für Einwanderer, das auf den Ruinen eines Dorfes errichtet wurde". Soweit Auszüge aus Levys lesenswertem Artikel. (1)

Erschreckendes Defizit an demokratischer Grundeinstellung und Empathie

Aber kommen wir zurück zu Kanzlerin Merkel. Wenn sie sich in ihrer Grußbotschaft an den Zentralrat der Juden doch so für Respekt und Toleranz, für ein friedliches und gedeihliches Miteinander einsetzt, dann frage ich mich: wie kann sie es zulassen, dass Juden in Deutschland heute wieder ausgegrenzt werden, nur weil sie sich dafür einsetzen, dass der "Jüdische Staat" das Völkerrecht und die Menschenrechte einhält? Als Merkel die deutsche Staatsräson für die Sicherheit Israels zur "Order per Mutti"........

© Neue Rheinische Zeitung