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“95 Prozent der Priester...“ 

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05.06.2019

Papst Franziskus hält an der Ehelosigkeit für Priester fest und verspricht nur einzelne Ausnahmen. Laut Therapeut Joachim Reich leiden Priester unter dem Zölibat - und halten sich zum Großteil nicht daran.

Update vom 5. Juni 2019: Der Berliner Therapeut und Zölibatsberater Joachim Reich glaubt, dass sich 95 Prozent der Priester nicht lebenslang an den Zölibat halten. „Es gibt Priester, die im Urlaub ganz viel Sex haben und den Rest des Jahres zölibatär verbringen. Andere führen konsequent ein Doppelleben. Haben eine feste Beziehung, gehen gewohnheitsmäßig ins Bordell oder behelfen sich mit Pornos“, so Reich in einem Interview mit der „Welt“ (Artikel hinter Bezahlschranke).

Die katholische Kirche würde die Priester mit ihren Problemen alleine lassen, kritisiert Reich: Das Phänomen wird individualisiert, nach dem Motto: „Es ist dein Problem. Du hast dich dafür entschieden.“ Die Kirche lässt diese Menschen letztlich im Stich, und das fängt schon in der Priesterausbildung an: Zu mir kommen Priesterseminaristen, die darüber klagen, dass sie nicht wirklich und ernsthaft auf den Zölibat vorbereitet werden. Das entspricht der Logik der Kirche: Kleriker dürfen ohnehin keinen Sex haben, also müssen wir uns auch keine Gedanken über den Umgang mit Sex machen.“

Auf die Frage, ob der Zölibat mit den Missbrauchsfällen von Zusammenhang steht, antwortet Reich: „Es gibt in der Kirche – wie im Rest der Gesellschaft – eine sehr kleine Gruppe von Kernpädophilen. Und es gibt Geistliche, die sexuell unreif sind, weil sie teilweise unerfahren sind und unter dem Zölibat keine altersgerechte Sexualität entwickeln konnten. Wenn sexuell selbstunsichere Menschen in Kontakt mit Jugendlichen kommen, die genauso auf der Suche nach ihrer Sexualität sind, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie Grenzen überschreiten.“

Update vom 31. Mai 2019: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat Verständnis für die große Enttäuschung vieler Menschen über das Handeln Verantwortlicher in der Kirche. Angesichts von Missbrauchskrise und sinkenden Mitgliederzahlen müsse die katholische Kirche Probleme „intensiv“ anpacken und sich zugleich auf den Kernauftrag besinnen, so der Erzbischof von München und Freising in einem Radiobeitrag, der an diesem Samstag im Bayerischen Rundfunk gesendet wird. „Kirche ist da, um von Gott zu reden, und zwar zu allen Menschen. Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern für die Welt, für die Menschen in der Nähe und in der Ferne.“ Die Kirche habe viel Vertrauen verloren, ihr Ansehen habe stark gelitten.

Marx betonte das starke Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen wie Kirchenmusikern, Mesnern, Erziehern, Pflegekräften und Seelsorgern. Es sei bedauernswert, dass dieses Engagement oft in den Hintergrund gerate. Deshalb werde man auch „im geplanten Synodalen Weg gemeinsam überlegen, wozu die Kirche da ist und was wir überhaupt meinen, wenn wir von Kirche sprechen“, sagte der Erzbischof laut am Freitag verbreiteter Mitteilung weiter. Alle Menschen, die sich zu dieser Gemeinschaft bekennen, seien gleichermaßen Kirche. „Mir ist es wichtig, diese Perspektive wieder deutlicher zu machen. Dann können wir auch die konkreten Probleme besser angehen“, so Marx.

Update vom 29. April: Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke hält sich eigenen Worten zufolge für mitschuldig an der Vertuschung von Missbrauchstaten in der katholischen Kirche. Der Umgang mit den Missbrauchsfällen sei sicher ein Beleg dafür, „dass die Institution Kirche an der eigenen Selbstfixierung leidet“, schrieb Hanke in einem Gastkommentar für die „Herder Korrespondenz“. Es habe ein Bewusstsein gefehlt, wie verheerend ein falscher Umgang mit den Tätern sein könne. „Ich spreche hier kein Schuldurteil über andere, ich schließe mich selber ein“, betonte Hanke.

„Die Vertuschung hat ihre Ursache in diesem geschlossenen Kreis, in dem die Selbstkritik keinen Platz hat.“ Es habe daher nach den Missbrauchstaten zu oft ein Inner-Circle-Denken geherrscht. „Nach dem Motto: Junge, Du hast gesündigt, aber es wird schon wieder“, sagte Hanke und ergänzte: „Da kam das Opfer nicht vor.“

Sexueller Missbrauch durch Geistliche wurde in der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht und in vielen Ländern kleingeredet oder vertuscht - auch in Deutschland. In einer von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im September 2018 veröffentlichten Studie waren etliche Missbrauchsfälle dokumentiert worden.

Update am 20. April 2019: In einem Aufsatz sieht Papst Benedikt in der 68er-Bewegung und der damit einhergehenden sexuellen Revolution eine Ursache für Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Durch die 68er habe sich „ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte“. Die vorher gelten Maßstäbe in Fragen der Sexualität seien „vollkommen weggebrochen“, es sei eine „Normlosigkeit entstanden“.

Der Aufsatz im bayerischen Klerusblatt hatte für Empörung und zahlreiche kritische Reaktionen gesorgt. Nun meldete sich auch der Passauer Bischof Stefan Oster zu Wort - und verteidigte Papst Benedikt. Er sei dem Papst „sehr dankbar“ für den Aufsatz. Er lese den Text "schlicht als Ausdruck seines Mitgehens,........

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