KI wird zum Horrortrip: Kommt das Comeback des Analogen?

KI wird zum Horrortrip: Kommt das Comeback des Analogen?

Von Peter Blunschi, Watson

Die Künstliche Intelligenz macht enorme Fortschritte. Viele Menschen fühlen sich durch diese Entwicklung bedroht. Helfen könnte eine Rückbesinnung auf die reale Welt.

Viele Menschen empfinden KI als geradezu unheimlich, mit gutem Grund.

Bis vor wenigen Jahren war die Künstliche Intelligenz (KI) für die meisten Menschen ein abstraktes Konstrukt. Dann lancierte OpenAI im November 2022 ChatGPT. Das generative Sprachmodell wurde zu einem eigentlichen Gamechanger. Immer mehr Menschen nutzen KI-Tools, auch in der Schweiz, wie eine gerade veröffentlichte Umfrage von Comparis zeigt.

Noch erfolgt die Nutzung rudimentär, etwa als avancierte Suchmaschine. Das Potenzial der Technologie aber ist immens. Sie macht rasante Fortschritte. Bereits gibt es KI-Agenten, die selbstständig agieren, statt auf menschliche Inputs zu reagieren. Als Trendsetter gilt die US-Firma Anthropic mit ihrer Anwendung Claude , die mehr ist als ein simpler Chatbot.

Der Erlös könnte gigantisch sein, denn KI beflügelt die Fantasien. Sie soll enorme Effizienzgewinne und damit Profite erwirtschaften. Die Trump-Regierung lässt den Entwicklern weitgehend freie Hand , nicht zuletzt wegen des Konkurrenzkampfs mit China.

Die Euphorie im Silicon Valley und bei vielen Unternehmen aber wird von der breiten Bevölkerung in den USA keineswegs geteilt. Das Gegenteil ist der Fall. Sie beurteilt die rasante Entwicklung der generativen KI pessimistisch bis dystopisch , schreibt das Newsportal Axios.

Diese negative Stimmung ist auch bei US-Politikern angekommen. Die meisten Wählerinnen und Wähler würden die Auswirkungen von KI auf ihre Kinder und Jobs nicht nur fürchten. Die Entwicklung sei ihnen geradezu unheimlich, schreibt Axios. Den Beleg liefern Umfragen, laut denen eine Mehrheit der Amerikaner KI kaum oder gar nicht vertraut.

Fast zwei Drittel gehen in einer Erhebung von «Economist» und YouGov davon aus, dass KI die Zahl der Arbeitsplätze in den USA reduzieren wird . Sie glauben den Versprechungen der Industrie nicht, wonach KI neue Arbeitsfelder generiert. Und in einer weiteren Umfrage von YouGov zeigten sich 77 Prozent besorgt, dass KI die Menschheit bedrohen könnte .

In unseren Breiten verläuft die Diskussion weniger aufgeheizt, vielleicht weil die Europäer bei KI eine Nebenrolle spielen. Aber unterschwellig dürften identische Ängste vorhanden sein. Und erste tiefgreifende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind heute schon erkennbar.

Betroffen ist ausgerechnet die IT-Branche, die die Künstliche Intelligenz entwickelt hat und nun von ihr bedroht wird. Oder um es in Abwandlung eines berühmten Zitats des deutschen Dramatikers Georg Büchner zu umschreiben: «Die Revolution frisst ihre Väter.» Die Devise lautet: Wer KI-Tools nicht beherrscht, wird von ihnen beherrscht und aussortiert werden.

Doch die Umwälzungen durch KI beschränken sich nicht auf den Arbeitsmarkt. Hinzu kommen neue Bedrohungen im Internet – von Deepfakes bis zu KI-gestützten Cyberangriffen. Der Aufenthalt im einst «unschuldigen» Internet droht zunehmend zu einem Horrortrip zu werden. Ein vorsichtiger, ja misstrauischer Umgang ist unerlässlich – nicht erst morgen, sondern schon heute. Und vielleicht kommt es zu einer Art Backlash.

«Je weniger die digitale Sphäre Echtheit und Authentizität garantiert, desto stärker wird man diese Qualitäten in der realen Welt suchen», meinte der Ethiker und Technologieexperte Markus Christen im Interview mit dem «Tagesanzeiger» . Man lege Wert darauf, sich wieder persönlich gegenüberzusitzen, statt sich über «soziale» Medien zu connecten.

Man könnte von einem Comeback des Analogen sprechen. Handfeste Dinge werden an Bedeutung gewinnen, also Musik live und auf Tonträgern statt KI-generiertem und gestreamtem Sound, und sei er noch so raffiniert. Filme mit «echten» Schauspielern werden zum Gütesiegel, und auch das gebeutelte Theater könnte eine Renaissance erleben.

Betroffen ist auch unser Metier. «Seriöse Medien, bei denen man davon ausgeht, dass sie ihre Quellen sorgfältig prüfen, erhalten einen Vertrauensbonus», sagt Christen. Vielleicht kommt es sogar zum Revival der gedruckten Zeitung als Ausdruck von Qualität.

Eine Welt, die auf realen Werten basiert statt auf virtuellem Hokuspokus, wäre ein Gewinn. Die Gefahren durch die Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz aber sind unbestreitbar. Axios spricht von einer «politischen Zeitbombe». Die Industrie wehrt sich gegen eine griffige Regulierung, doch ohne diese könnte die Menschheit ernsthaft gefährdet werden. Denn wie gesagt: Wenn wir KI nicht beherrschen, wird sie uns beherrschen.

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