Gesellschaftliche Polarisierung bei gleicher Meinung |
Gesellschaftliche Polarisierung bei gleicher Meinung
Von Roman Gibel, Organisationsforscher UZH & Unilu
Alles redet von Polarisierung, dabei zeigen Umfragen, dass Menschen kaum auseinanderdriften. Wie kann das sein?
Die Gesellschaft ist zunehmend polarisiert, könnte man sich denken. Der Trumpismus in den USA, mit unüberbrückbaren Differenzen zwischen den Demokraten und den Republikanern. Der Aufstieg populistischer Rechts-Parteien in ganz Europa. Im Vergleich scheint die Schweiz geradezu wohltuend langweilig. Zu marginal sind die politischen Veränderungen, zu gesittet der politische Diskurs. Und doch: Auch hier kann das Gefühl zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung aufkommen, beispielsweise bei populistischen Erzählungen, die stark von einem «Wir gegen alle» geprägt sind.
In seinem jüngst publizierten Buch mit dem Titel «Polarisierung. Die Ordnung der Politik» analysiert der Soziologe Nils Kumkar diese vermeintliche gesellschaftliche Spaltung. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass entgegen der wahrgenommenen Polarisierung Umfragen ein widersprüchliches Bild zeigen. Bürgerinnen und Bürger tendieren vielmehr zu mittigen Positionen statt zu zwei Lagern mit entgegengesetzten Meinungen.
Also alles ein Hirngespinst, medial hoch-gekocht? So einfach ist es auch nicht, so der Soziologe Kumkar. Denn obwohl sich die Spaltung in Meinungsumfragen nicht erhärtet, ist die Sorge davor durchaus real und Resultat einer kommunikativen Bewirtschaftung politischer Akteure wie Parteien, Protestgruppen oder Bewegungen und der Medien. Dabei betreiben alle in irgendeiner Form Polarisierung. So beispielsweise auch über Social Media, wo polarisierende Inhalte höhere Feedbackraten aufweisen und deshalb von Algorithmen bevorzugt werden.
Allerdings muss festgehalten werden, dass der Aufstieg populistischer Kräfte sich auf eine gezielte und strategische Positionierung innerhalb dieser kommunikativen Polarisierung zurückführen lässt, wie der Verweis auf eine Rede von Murray Rothbard mit dem Titel «Rechtspopulismus als Strategie» von 1992 zeigt
Die Gesellschaft ist also nicht unbedingt in zwei Lager gespalten. Dennoch existiert Polarisierung als Kommunikationsphänomen und ist gar integraler Bestandteil politischer Meinungsbildungsprozesse. Wenn ständig über Polarisierung gesprochen wird, wird sie, zumindest kommunikativ, auch wahr.
Spaltung ist dem politischen System gewissermassen eingeschrieben. Die Unterscheidung zwischen Regierung und Opposition, zwischen Regierenden und Regierten, zwischen entgegengesetzten Interessen. Also lässt sich Spaltung auch nicht überwinden, sie gehört zum System dazu, wenngleich weit dramatischer als tatsächlich gelebt.
Gegensätzliche Interessen bilden gar das eigentliche Fundament funktionierender Demokratien. Kommunikative Polarisierung wird also bleiben. Und solange Populisten die Pole in diesem Schema besetzen, gilt das auch für sie. Das trifft auch auf die Schweiz zu. Denn: So wohltuend langweilig ist das Land vielleicht doch nicht, so wird die Schweizer Direktdemokratie von Populisten anderer Länder doch immer wieder als Vorbild genannt.
In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen der Universität Luzern zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Kumkar, N. C. (2025). Polarisierung: Die Ordnung der Politik (2. Aufl.). Suhrkamp.
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Soziologischer Standpunkt (Kolumne)
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