Fitnesswahn – wenn die Wirklichkeit der absurden Welt eines Romans gleicht |
Fitnesswahn – wenn die Wirklichkeit der absurden Welt eines Romans gleicht
Die Journalistin findet sich in einer merkwürdigen Situation wieder, wobei die Realität und die Handlung eines Buches verschwimmen.
Wenn ich Wartezeiten zu überbrücken habe, nutze ich diese manchmal zum Lesen, auch in der Öffentlichkeit. Es gelingt mir aber nicht immer, die Gespräche rundherum auszublenden. Ich las also das Buch «Gym» von Verena Kessler, in welchem eine Frau dem Fitness- und Selbstoptimierungswahn verfällt und diesem alles unterordnet. Spoileralarm: Die Frau ignoriert Warnungen, ernährt sich fragwürdig und hilft mit dubiosen Substanzen nach - mit verheerenden Folgen für ihre physische und psychische Gesundheit und ihr Umfeld. «Hat was, ist aber schon in absurder Art und Weise auf die Spitze getriebene Satire», dachte ich mir beim Lesen der teils grotesken und derb geschilderten Situationen.
Gleichzeitig diskutierten neben mir zwei Männer darüber, wie ein optimales Krafttraining ausgestaltet werden muss. Der Jüngere, mit schlanker Statur - ich schätzte ihn auf etwa Mitte 20 - erklärte etwas unsicher, er habe vor Kurzem damit begonnen, zweimal pro Woche in einem Gym zu trainieren. Um fitter zu sein, Schäden vorzubeugen und gleichzeitig seinen Berufsalltag besser meistern zu können. Aufgrund der Kleidung schloss ich, dass die beiden einen handwerklichen Beruf ausüben. Der Ältere - schätzungsweise um die 50, mit rundem Bauch, Tattoos und Rocker-Attitüde - meinte, das bringe nichts, er müsse jeden Tag ordentlich Gewichte stemmen und dazu auch Fleisch essen, weil «von nichts kommt nichts» und spannte dabei seinen Bizeps an. Der Jüngere blickte irritiert auf den nicht so straffen Arm seines Kollegen.
Vor meinem inneren Auge sah ich die beiden Männer in ärmellosen Shirts ins «Mega Gym» aus dem Roman marschieren, Brustmuskel und Bizeps vergleichen, Wachstumshormone spritzen und im Wettstreit miteinander Gewichte stemmen, bis einer von beiden verletzt zu Boden geht. Schnell schüttelte ich die meiner Fantasie entsprungenen Bilder ab. «Die Wirklichkeit ist kein Roman», sagte ich mir.
Doch dann las ich letzte Woche in unserer Zeitung, dass Swiss Sport Integrity noch nie so viele junge Menschen – Jahrgang 2000 und jünger – wegen Dopings gesperrt hat wie im letzten Jahr, nämlich 13. Und dass es sich dabei grösstenteils um Freizeit- und Breitensportler handelt, die sich im Internet gesundheitsgefährdende und illegale Substanzen bestellten. Die Freizeitsportlerinnen flogen auf, weil die Ware am Zoll kontrolliert wird. Die Motive seien aber zumeist eher «Körperkult und Muskelwachstum» als Doping, hiess es im Artikel. Doch nicht nur auf junge Menschen trifft das zu: Im Artikel gibt es auch ein Beispiel einer 62-jährigen Frau. Die Vermutung: Sie wollte mit den Substanzen eher den Alterungsprozess bremsen als eine Leistungssteigerung im Sport erreichen.
Die Romanhandlung ist also – ausgenommen das Finale – gar nicht so auf die Spitze getrieben, wie ich dachte. Bleibt zu hoffen, dass alle diese Freizeitsportler und Breitensportlerinnen nicht enden wie die Romanfigur.
Wer eine Krise bei Buchnerds verhindern will, sollte diese eine Frage besser nicht stellen.
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Über manche Begriffe stolpert die Autorin im Redaktionsalltag. Und manche sorgen für Schmunzler.
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Um nicht abgelenkt zu werden, hat die Autorin die Push-Meldungen von Chats deaktiviert. Manchmal wäre es allerdings von Vorteil, Nachrichten sogleich zu lesen.