Buckelwal Timmy: Vielleicht war er auch ein Arschloch-Wal

Buckelwal Timmy: Vielleicht war er auch ein Arschloch-Wal

Wochenlang verfolgte Europa das Sterben von Buckelwal Timmy, griff ein, hoffte, stritt – und machte daraus eine Geschichte. Vielleicht, weil sein Leid etwas bot, das selten geworden ist.

Er treibt vor der Küste Dänemarks. Ein dunkelgrauer Berg aus Fleisch und gescheiterter Hoffnung. Und ich weine nicht.

Ich hätte vielleicht weinen sollen. Gelegenheit dazu gab es genug. Dank Livetickern, Pushbenachrichtigungen, KI-Liedern, Experten, die sich widersprachen, selbsternannten Rettern, die aus einem sterbenden Tier ein Spektakel machten.

Und am Ende: Menschen am Strand, die Selfies mit seinem Kadaver schiessen. Als wollten sie einem Filmstar das letzte Autogramm abknöpfen.

Timmy wurde in diese Hauptrolle gedrängt. Seit März erschienen allein in der Schweiz über 1500 Beiträge über ihn. Eine Träne pro Artikel schulde ich Timmy, könnte man meinen. Aber ich zahle nicht.

Vielleicht ein Arschloch-Wal

Jeden Tag erscheinen Nachrichten aus Kriegen, Zeltstädten, Ruinen, die einmal ein Zuhause waren. Geschichten, schwer wie Beton, die kaum noch jemanden erreichen. Aus Gaza etwa, wo Vertriebene in Zelten nach all dem Leid noch mit einer Rattenplage kämpfen . Oder aus dem Sudan, wo zwei geflüchtete Jungen einander........

© Luzerner Zeitung