Wohnraum: «Es braucht einen Schnitt und massive Eingriffe»
Wohnraum: «Es braucht einen Schnitt und massive Eingriffe»
Von Christian Hegglin, SP-Kantonsrat
SP-Kantonsrat Christian Hegglin über Mietpreise, die sich Zuger Durchschnittsverdienende nicht mehr leisten können.
Wohnraum ist aktuell das drängendste Problem im Kanton Zug. Die bürgerliche Mehrheitspolitik hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Im Herbst sind Wahlen, und jetzt wollen plötzlich alle Fraktionen etwas beitragen: Mehr bauen, höher bauen, weniger Kontrolle und Bürokratie, weniger Wert legen auf Architektur und Schönheit und weniger Macht dem Heimatschutz. Autobahnen und Geleise überdachen und neuerdings sogar weisse Zonen schaffen, wo mit möglichst wenig Regeln viel gebaut werden darf. Das Ortsbild ist anscheinend nicht so wichtig.
Diese Vorschläge sind nicht zwingend alle schlecht - die bürgerliche Mehrheit hätte sie schon längst in Kraft setzen können, wenn da ein Wille gewesen wäre. Nur entsteht so kein günstiger Wohnraum. Es entsteht allenfalls Wohnraum für Durchschnittsverdienende. Wenn das Familieneinkommen 5000 Franken beträgt, dann kann nicht 2400 Franken für die Wohnung ausgegeben werden, auch wenn dieser Wohnraum als «bezahlbar» gilt. Die Wohnung sollte gemäss Drittelsregel 1700 Franken nicht überschreiten, auch bei Familien. Auf dem freien Markt entstehen keine solchen Wohnungen.
Man muss in diesem Preissegment auch nicht in einer Neubauwohnung wohnen, werden Sie einwenden. Ja, das stimmt, aber die Altbauten werden, teilweise unter Leerkündigung, saniert und verlassen dieses Preissegment. Es kommt in diesem Segment nichts hinzu, es wird laufend kleiner, obwohl viele darauf angewiesen sind. Dazu kommt, dass Altbauwohnungen mit zunehmendem Alter auch nicht günstiger werden. Das Angebot ist zu klein, die Nachfrage gross - die Leerwohnungsziffer praktisch inexistent.
Die Immobilienfirmen wollen den Gewinn auf den gestiegenen Wert der Immobilie und nicht auf den Bauwert. Wenn eine Wohnung in Zug vor 15 Jahren 1 Million Franken wert war und für 2200 Franken vermietet wurde, dann ist sie heute 2 Millionen wert und wird teilweise für über 5000 Franken vermietet. Diese Entwicklung treibt die Mieten in die Höhe.
Apropos Gewinne bei Immobilien: Alle, die eine Liegenschaft schon seit 15 oder mehr Jahren besitzen, hätten die Wohnungen auch mietzinsfrei weitergeben können und allein durch die Wertsteigerung schon eine feine Rendite erzielt. Natürlich verlangt das niemand. Wahr ist es trotzdem. Für alle, die heute Land erwerben, ist sozialer Wohnungsbau, allein aufgrund des Landpreises, unmöglich. Eine Möglichkeit gäbe es allerdings: Der Kanton besitzt Bauland und erwirbt zusätzliches und gibt es zu vergünstigten Konditionen an Vermietende ab, die auf eine Rendite verzichten.
Das können zum Beispiel Genossenschaften sein, aber auch Private oder Stiftungen. Dann können Wohnungen entstehen, die mit niedrigen Löhnen bezahlbar sind. Der Kanton Zug hat bald 3000 Millionen Eigenkapital, das bereitliegt. Langfristig kostet dieser Landerwerb den Kanton keinen einzigen Franken, weil der Kanton das Land behält und im Baurecht abgibt. Der Kanton schafft Wohnraum, und der vielseitige Spielraum für den Kanton nimmt mit zunehmendem Landbesitz sogar zu.
Klar spült das Geld in die Kassen der Landverkaufenden. Klar ist das Marktverzerrung. Aber die Marktverzerrung ist deutlich kleiner als jene gegen oben mit massloser Ansiedelung von Unternehmen und Steuerdumping. Es braucht einen Schnitt und massive Eingriffe. Die bürgerliche Politik der letzten Jahrzehnte war und ist ebenfalls ein massiver Eingriff in den explodierenden Wohnungsmarkt. Um Gegensteuer zu geben, ist es bereits spät. Plakative Pflästerlipolitik hilft da vermutlich kaum mehr, und die Mittel für eine tatsächlich wirksame Wohnpolitik liegen bereit.
In der Kolumne «Zuger Ansichten» äussern sich Kantonsrätinnen und Kantonsräte zu einem frei gewählten Thema. Ihre Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.
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