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Inflation: Löhne versus Profite

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12.07.2022

An dieser Stelle veröffentlichen wir die Analyse des marxistischen Wirtschaftswissenschaftlers Michael Roberts über das Verhältnis zwischen Löhnen und Profiten im heutigen inflationären Umfeld.

Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, gab im Februar die Haltung der meisten zu den Auswirkungen der Inflation vor, als er sagte: „Ich sage nicht, dass niemand eine Lohnerhöhung bekommt, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber was ich sage, ist, dass wir bei den Lohnverhandlungen Zurückhaltung üben müssen, sonst gerät es außer Kontrolle“.

Bailey folgte der keynesianischen Erklärung, wonach die steigende Inflation das Ergebnis eines angespannten Arbeitsmarktes („Vollbeschäftigung“) sei, der es den Arbeitnehmern ermögliche, höhere Löhne zu fordern, und die Arbeitgeber somit zwinge, die Preise zu erhöhen, um ihre Gewinne zu sichern. Diese „Lohndruck“-Theorie der Inflation ist sowohl theoretisch als auch empirisch widerlegt worden, wie ich in mehreren früheren Beiträgen gezeigt habe.

Und erst kürzlich hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer Studie bestätigt, dass „das derzeitige Umfeld einer solchen Spirale nicht förderlich zu sein scheint. Schließlich ist die Korrelation zwischen Lohnwachstum und Inflation in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen und befindet sich derzeit auf einem historischen Tiefstand.

Diagramm: BIZ

Aber diese Lohn-Preis-Spirale wird von den orthodoxen Keynesianern immer noch vertreten, weil sie der Meinung sind, dass Vollbeschäftigung zu Inflation führt; und sie wird von den Behörden unterstützt, weil sie jegliche Auswirkungen auf die Preise durch Unternehmen, die versuchen, ihre Gewinne zu steigern, ignoriert. Bailey sprach nicht von einer „Zurückhaltung“ bei der Preisbildung oder den Gewinnen auf dem Markt.

Die Lohn-Preis-Spirale gab es schon vor Keynes. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts argumentierte der neoricardianische Gewerkschafter Thomas Weston in den Kreisen der International Working Man’s Association, dass die Arbeitnehmer keine Löhne fordern könnten, die über den Lebenshaltungskosten lägen, da dies nur dazu führen würde, dass die Arbeitgeber die Preise erhöhen würden, und daher kontraproduktiv sei. Für Weston gab es ein „eisernes Gesetz“ der Reallöhne, das an die für den Lebensunterhalt erforderliche Arbeitszeit gebunden war und nicht gebrochen werden konnte.

Marx widerlegte Westons Ansichten sowohl theoretisch als auch empirisch in einer Reihe von Reden, die in der Broschüre „Lohn, Preis und Profit“ veröffentlicht wurden. Marx argumentierte, dass der Wert (Preis) einer Ware letztlich von der durchschnittlichen Arbeitszeit abhängt, die für ihre Produktion erforderlich ist. Das bedeutete jedoch, dass die Aufteilung dieser Arbeitszeit zwischen den Arbeitern, die die Ware herstellten, und dem Kapitalisten, dem sie gehörte, nicht festgelegt war, sondern vom Klassenkampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern abhing. Wie er sagte, „können Kapitalisten die Löhne nicht einfach nach Lust und Laune erhöhen oder senken, noch können sie die Preise nach Belieben anheben, um die entgangenen Gewinne infolge einer Lohnerhöhung auszugleichen.“ Wenn die Löhne „zurückgehalten“ werden, kann das die Preise nicht senken, sondern nur die Gewinne erhöhen.

Und genau das geschieht jetzt in der aktuellen Inflationswelle. In der Zeit der Großen Rezession war das Preiswachstum in den ersten Jahren des Aufschwungs eher........

© Klasse Gegen Klasse


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