60 Senior:innen über Nacht aus Pflegeheim rausgeschmissen |
60 Senior:innen über Nacht aus Pflegeheim rausgeschmissen
Ein Pflegeheim in Laatzen schließt und überlässt die Bewohner:innen über Nacht ihrem Schicksal. Betroffene sprechen von absolutem Chaos.
Der 1. April war für 60 Senior:innen eines Pflegeheims der Ambiente Care kein Aprilscherz, sondern ein grausamer Albtraum. Das Heim in Laatzen hat die Bewohner:innen am Mittwochmorgen vor die Tür gesetzt – den meisten erst am Vorabend überhaupt Bescheid gegeben. Angehörige und Betroffene mussten mit Ach und Krach neue Plätze suchen, glücklicherweise konnten alle Bewohner:innen neu versorgt werden. Das darf jedoch nicht davon ablenken, was hier passiert ist: Menschenleben wurden für Geldmacherei riskiert.
Heimaufsichten von Ambiente Care, dem Betreiber von bundesweit dutzenden Senior:innenheimen, melden finanzielle Probleme in etlichen Heimen. Laut Angaben könne man den Betrieb kaum am Laufen halten, ein weiteres Heim in Bayern habe bereits schließen müssen und auch ein Heim in Unna könne sich vorerst nur bis kommenden Dienstag noch halten. Beschäftigte an mehreren Standorten berichten von Lohnausfällen, teilweise seit Monaten, weshalb auch die Krisensituation im Heim in Laatzen zustande kam. Weil sie seit mehreren Monaten keinen Lohn bekommen haben, sind die Beschäftigten nicht mehr zur Arbeit gegangen – absolut zurecht, denn auch sie müssen ihre Familien zuhause irgendwie ernähren.
Ambiente Care will sich aus der Verantwortung ziehen, angeblich würde man ja alles tun, um die Heime in Betrieb zu halten. Gleichzeitig verschieben sie die Schuld für das Chaos in Laatzen auf die Heimaufsicht. Diese habe ohne Absprache mit dem Betreiber kurzfristig selbst beschlossen, den Betrieb einzustellen. Man hätte ja noch etwas gegen die Schließung unternehmen können. Dabei musste selbst die Heimaufsicht vermutlich die Reißleine ziehen, weil sie keine andere Wahl hatte und der Betreiber scheinbar untätig blieb, was die etlichen Krisen in anderen Heimen mehr als genug beweisen, gegen die nichts unternommen wird.
„Menschenleben statt Geldmacherei“ hätte alle Heime retten können
Dass Ambiente Care auf Geld von den Senior:innen angewiesen ist und auf Kosten der Lebensbedingungen der Betroffenen Profite machen soll, ist ein politisches Desaster, aber ist eines der tausenden Ergebnisse eines wirtschaftsbasierten Gesundheitssystems. Überall dort, wo Umsatz gemacht wird, rückt die Priorität auf den Erhalt von Menschenleben in den Hintergrund. Wir sehen das am Beispiel nahezu jedes einzelnen Senior:innenheims, als auch in den Krankenhäusern.
Eigentlich sollte die Gesundheitsversorgung – und dazu gehört jedes einzelne Pflegeheim in Deutschland – grundsätzlich vom Staat ausfinanziert werden. Steuergelder sind zu genüge da, werden jedoch nicht in die Daseinsvorsorge und damit in den Erhalt und die Versorgung von Menschenleben investiert. Die Zustände in jedem einzelnen Heim in Deutschland sind auf dieses Problem zurückzuführen. Wenn der Staat nicht mehr das ganze Geld für Krieg und für Politiker:innendiäten von mittlerweile über 12.000 Euro monatlich verschwenden würde, wäre jedes einzelne Heim und jedes einzelne Krankenhaus im gesamten Bundesland bereits gerettet. Sogar die Löhne von Beschäftigten könnten deutlich erhöht werden, was nicht nur für eine bessere Versorgung der Patient:innen und Pflegeempfänger:innen sorgen würde, sondern auch für eine gerechte soziale Verteilung von Steuergeldern.
Doch Krieg ist dem Staat wichtiger. 500 Milliarden Euro werden für Kriegszwecke hingeblättert, während in der Krankenhauslandschaft und der Gesundheitsversorgung generell immer mehr und mehr Krisenmodus angesagt sind. Beschäftigte die überarbeitet und unterbezahlt sind, Outsourcing, das für die Spaltung und Ausgrenzung von überlebenswichtigem Reinigungs-, Technik-, Logistik- und Sterilisationspersonal sorgt, wo diese Beschäftigten auch noch deutlich weniger verdienen als ihre direkt Kolleg:innen im Krankenhaus. Bekannte Outsourcing-Beispiele der jüngsten Zeit sind hierfür die Charité Facility Management und die Vivantes-Tochterunternehmen wie die Vivantes Service GmbH und VivaClean.
Wir brauchen also endlich eine strikte Ausfinanzierung der Daseinsvorsorge, um Probleme wie in Laatzen, Outsourcing und eine Krankenhauslandschaft im Krisenmodus zu bewältigen. Das Geld ist da und das muss endlich in die Krankenhäuser und Pflegeheime fließen, damit alle bestens versorgt sind, genug Personal anwesend ist, dieses Personal auch gut bezahlt ist und sie alle, die Beschäftigten und Pflegeempfänger:innen, ein Leben in Würde und Freude leben können. Solange dieser Staat also nicht dafür sorgt, dass die Daseinsvorsorge auf Menschen und Bedarf ausgerichtet ist statt auf Geld und Profite, ist er der Hauptverantwortliche aller Krisen in diesem Sektor.
Beschäftigte im Gesundheitssektor streiken seit Jahrzehnten gegen diese Zustände. weil sie das nicht mehr aushalten können und weil auch Pflegeempfänger:innen extrem unter den Arbeitsbedingungen der Arbeitenden leiden. Bald streiken auch die Beschäftigten der Vivantes-Tochterfirmen in Berlin. Am 15. April starten sie mit einem Erzwingungsstreik, um ihre Forderungen nach einer 100-prozentigen Aufnahme in den Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes (TVöD) zu erkämpfen. Damit wollen sie dem Lohndumping ein Ende bereiten und einen Schritt näher Richtung Rückführung in den Mutterkonzern Vivantes gehen. Lasst uns gemeinsam mit Spenden zu ihrer Streikkasse beisteuern und ihren Streik auch auf den Straßen unterstützen.
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