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Die tiefe Sehnsucht nach einer CDU, die es nie gab

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24.09.2021

Die Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Es fallen die Blätter im politischen Herbst der Kanzlerin; es fallen die Umfragewerte; und es fallen einstige Gefährten. Unter CDU-Anhängern breitet sich ein Mythos aus. Er ist nicht neu. CDU-affine, jedoch merkelkritische Geister pflegen ihn seit mehr als einem Jahrzehnt.

Aber er gewinnt an Raum, vor allem an der Basis. Es ist die Erzählung einer reinen, besseren CDU vor der Machtübernahme Angela Merkels. Sie handelt von einer aufrechten Union, die zu ihren Werten stand und diese nicht für schnöde Machtpolitik aufgab. Dann kam die Pastorentochter aus dem Osten, die als kühle Rechenschieberin des politischen Spiels bereit war, die Parteiseele an den roten Teufel zu verkaufen.

Es ist eine wohltuende Erzählung, weil sie dem Christdemokraten ein Narrativ bietet, an dem er sich festhalten kann. Armin Laschet ist der Anlaß, Angela Merkel jedoch die Ursache des drohenden Niedergangs der Christdemokratie. Die Legende enthält einen wahren Kern. Sie paßt in das postfaktische Zeitalter, in dem Narrative die Funktion von Fakten übernommen haben.

Es ist nicht das einzige Narrativ in der Geschichte der CDU. Lange vergessen: Der Aufstieg Merkels an die Spitze der Partei – und des Landes – begann ebenfalls mit einer Legende. Sie handelte von einer unschuldigen Jungfrau im Stil der Johanna von Orleans. Ihr Angriff auf Ziehvater Helmut Kohl erschien nicht als opportunistischer Dolchstoß, um die Macht innerhalb der Union an sich zu reißen, sondern als Befreiungsschlag.

Merkel hatte keine Vorgeschichte, weder im Postengeschacher der traditionellen Männervereine und Seilschaften noch im Morast des Spendenskandals, der die CDU zu zerreißen drohte. Der Untergang der zweiten großen christdemokratischen Partei Europas, der italienischen Democrazia Cristiana, lag zu diesem Zeitpunkt nur wenige Jahre zurück –........

© Junge Freiheit


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