»Das Land braucht Veränderung«

26. März 2026 – 8. Nissan 5786

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»Das Land braucht Veränderung«

»Das Land braucht Veränderung«

Jenny Havemann und Susanne Glass haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Im Gespräch erzählen sie über »ihr« Israel, das es nicht mehr gibt, Freundschaft und die Möglichkeit eines Neubeginns

 26.03.2026 13:11 Uhr

Frau Glass, Frau Havemann, Sie haben ein Buch mit dem Titel »Unser Israel gibt es nicht mehr« geschrieben. Wie sah dieses Israel aus?Susanne Glass: Als wir uns kennengelernt haben – und auch zu der Zeit, in der ich noch in Israel wohnte –, hatte ich den Eindruck, dass es schon möglich ist, dass sich arabische Israelis, Palästinenser und jüdische Israelis begegnen können, und dass aus diesen Begegnungen heraus oft auch Freundschaften und ein besseres Verständnis füreinander entstehen konnte. Damals war eben unser Israel auch noch ein Land, in dem sich die Juden und Holocaustüberlebende sicher gefühlt haben, auch wenn es Krisen und Kriege gab. Aber dieses Gefühl der Sicherheit, dieses Gefühl, dass Israel der sichere Hafen für das jüdische Volk ist, dieses wurde seit dem 7. Oktiber 2023 massiv beeinträchtigt. Und: Israel war auch ein Land, in dem die Menschen noch nicht unter diesem Trauma des 7. Oktober standen.Jenny Havemann: Ich habe ja ein Kapitel geschrieben über meine Kinder im Krieg. In dem Israel von vor zwei Jahren haben meine Kinder mich nicht jeden Tag, wenn wir unterwegs waren, gefragt, wo ist hier der Bunker? Durch die Angriffe von praktisch allen Seiten, aus dem Libanon, dem Jemen, dem Iran, stellen mir meine Kinder diese Frage schon automatisch. Ein Teil von diesem Sicherheitsgefühl, was Susanne gerade beschrieben hat, ist natürlich schon vorhanden, aber ein Teil ist auch verloren gegangen oder fühlt sich anders an. Die ganze Stimmung im Land hat sich schon verschärft und radikalisiert. Der Ton zwischen den Menschen ist aggressiver, die Gespräche sind viel heftiger geworden. Das tut mir sehr weh.

Sie leben mit Ihrer Familie in Israel, Frau Havemann, fällt es Ihnen schwerer, einen entspannten Moment zu haben – oder einfach mal unbesorgt zu sein?Es ist nicht so einfach, aber jeder versucht irgendwie seinen Alltag zu leben. Die Familien der Geiseln, lebten und leben jeden Tag und jede Nacht mit der Sorge um ihre Angehörigen. Wir können uns den Luxus leisten, wenigstens zu versuchen, den Alltag einigermaßen normal zu gestalten. Aber die emotionale Belastung, die macht den Alltag schwieriger. So geht es mit Sicherheit auch den Menschen in Gaza, die nichts mit der Hamas zu tun haben und einfach unter dem Krieg und seinen Folgen leiden. Äußerlich versucht man, den Alltag zu gestalten, aber innerlich sind die Sorgen riesig.Glass: Ich bin 2021 aus Israel weggezogen, aber weiterhin regelmäßig da, und was mir schon auffällt – ich glaube, dass Jenny und auch alle meine anderen Freundinnen und Freunde das vielleicht gar nicht mehr so merken, aber es gab ja weiterhin jede zweite Nacht mehrmals Raketenalarm. Wir berichten in Deutschland leider gar nicht mehr so häufig darüber, aber jeden Abend mit dem Wissen ins Bett zu gehen, man muss wahrscheinlich wieder in den Schutzraum, das finde ich schon extrem belastend. In dieser Häufigkeit war das früher nicht so. Dann die Orte zu sehen, an denen die Raketen eingeschlagen haben, das macht etwas mit dir. Auch wenn die Menschen irre tapfer sind.

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