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»Es ist beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt«

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29.09.2026

29. September 2026 – 18. Tischri 5787

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»Es ist beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt«

Evan Bernstein (51) ist seit Kurzem neuer CEO von B’nai B’rith International, der ältesten jüdischen Wohltätigkeitsorganisation. Um den wachsenden Antisemitismus zu bekämpfen, will Bernstein vor allem die lokale Vernetzung verbessern

Herr Bernstein, es war zuletzt viel darüber zu lesen, dass sich die jüngere Generation amerikanischer Juden mehr und mehr von Israel abwendet. Hinzu kommt ein starker Anstieg des Antisemitismus und zahlreiche Anschläge. Wohin steuert das Judentum in den USA? Die Polarisierung der letzten Jahre war nicht gut. Ich erinnere mich noch an meine Zeit bei AIPAC. Das war vor 20 Jahren. Damals waren gefühlt 98 Prozent der jüdischen Gemeinschaft in den USA pro-israelisch – egal, ob sie orthodox, reformiert oder konservativ waren. Beim Thema Israel zogen alle an einem Strang. Heute haben wir eine Spaltung innerhalb der Gemeinschaft, die in gewisser Weise die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt. Die gemäßigte Mitte droht zu verschwinden, der Radikalismus wird stärker, und das an beiden Ende des politischen Spektrums. Und Radikalismus ist für Juden niemals gut. Wir haben es mit Problemen zu tun, die denen ähneln, mit denen wir vor 100 Jahren zu kämpfen hatten. Es ist schon beängstigend, wie sich die Geschichte wiederholt.

Amerika galt und gilt ja vielen Juden immer als sicherer Hafen ...Ja. Nach dem Holocaust erlebten wir ein goldenes Zeitalter des amerikanischen Judentums. Meine Großeltern, die Ende des 19. Jahrhunderts aus Deutschland und um 1910 aus Russland in die USA ausgewandert waren, erzählten mir, wie noch in den 20er und 30er Jahren die Bewegungsfreiheit für Juden in New York eingeschränkt war. Damals konnten sie bestimmte Universitäten nicht besuchen, durften sich an bestimmten Orten nicht aufhalten. In der Straße, in der ich aufwuchs, es war eine Sackgasse, hing bis in die 60er Jahre ein Schild mit der Aufschrift »Für Juden und Neger verboten«. Erst danach konnten Juden ihr Leben frei leben, an juristische Fakultäten und in die Country Clubs gehen.

Aber ist Amerika wirklich wieder auf dem Weg in die 1930er Jahre?Wortführer wie Candace Owens oder Tucker Carlson klingen doch sehr wie die führenden Antisemiten vor 100 Jahren, wie der katholische Priester Charles Coughlin beispielsweise oder der Industrielle Henry Ford. Der einzige Unterschied zu heute ist eigentlich nur, dass man mittlerweile soziale Medien nutzen kann, um seinen Judenhass auszuleben. Henry Ford tat dies mit Pamphleten und Father Coughlin mit Predigten im Radio. Wir dürfen aber nicht das Deutschland der 1930er Jahre und das Amerika jener Zeit gleichsetzen. Hier in Amerika wurden damals keine Juden aus ihren Häusern gezerrt oder gar ermordet.

Tucker Carlson ist »Antisemit des Jahres«

Die Organisation StopAntisemitism erklärt, ausschlaggebend seien Beiträge, in denen er erklärten Judenhassern, Holocaustleugnern und extremistischen Ideologen eine große Bühne geboten habe

Dennoch hat sich die Sicherheitslage für US-Juden in letzter Zeit verschlechtert. Wie manifestiert sich der Antisemitismus heute konkret?Ich konnte das 2019 beim Messerangriff auf eine Chanukka-Party in Monsey mit eigenen Augen erleben. Ich war damals einer der ersten vor Ort. Und auch nach dem Schusswaffenangriff in einem koscheren Supermarkt in Jersey City im selben Jahr. Und es gab zahlreiche weitere tödliche Attentate: Pittsburgh, Poway, Washington und Colorado. Es ist heute gefährlicher, in Amerika jüdisch zu sein, als es in den 30er Jahren war. Damals wurden Juden zwar diskriminiert, aber nicht aus Antisemitismus umgebracht.

Was hat diese negative Entwicklung ausgelöst?Ich mache die sozialen Medien dafür verantwortlich. In den 1960er-Jahren zeigten Umfragen, dass über 20 Prozent der amerikanischen Bevölkerung antisemitisch eingestellt waren. Aber das schlug sich nicht in Gewalt gegen Juden nieder, weil diese Antisemiten nicht ohne Weiteres miteinander kommunizieren konnten. Heute kann sich jeder im Internet organisieren, kann in seiner Echokammer von Gleichgesinnten bleiben. Das macht es sehr schwer, die gemäßigte Mitte der Gesellschaft zu stärken.

Aber haben sich viele jüdische Organisationen nicht zu sehr auf die Ränder konzentriert, auf die lautesten und radikalsten Antisemiten? Die Strategie, diese Leute öffentlich an den Pranger zu stellen, hat ja nicht gerade gut funktioniert, wenn man bedenkt, dass der Antisemitismus im gleichen Zeitraum dramatisch angestiegen ist …So kategorisch würde ich........

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