Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

12. März 2026 – 23. Adar 5786

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Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

Ein Schabbatmorgen in Tel Aviv. Am Tag zuvor befand sich die Stadt noch im Marathonfieber, und ich hatte mit Stolz den Halbmarathon beendet. Am Abend danach feierte ich mit Freunden Schabbat. Wir scherzten darüber, welche Durchhalte-Playlist wir für die Zeit im Schutzraum zusammenstellen würden – falls einmal Krieg ausbrechen sollte.Am nächsten Morgen, während ich Frühstück vorbereite, vibriert mein Handy.

Eine Warnmeldung: Raketenalarm. Man solle sofort einen Schutzraum aufsuchen. Das Haus, in dem ich mich befinde, hat keinen sogenannten Mamad, keinen eigenen Schutzraum. Es gibt jedoch einen öffentlichen in der Schule nebenan. Während ich meine Sachen zusammenpacke, schreibe ich einer Freundin vom Schabbatabend: »Wir brauchen jetzt diese Playlist.«

Wenig später sitze ich tatsächlich in dem unterirdischen Raum und höre unsere »Mamad«-Playlist. Was am Abend zuvor noch wie ein Scherz klang, ist plötzlich Realität geworden. Es ist mein erstes Mal in einem Schutzraum – und es wird nicht das letzte Mal sein.

Die ersten Nächte sind schwer. Der Adrenalinschub nach jedem Alarm und die Schlaflosigkeit zehren an den Kräften.

Wenn man an Bunker denkt, stellt man sich meist dunkle, enge Orte voller Angst vor. In Israel haben viele Menschen diese Räume in den vergangenen zwei Jahren jedoch sehr gut kennengelernt. Traurigerweise ist eine gewisse Routine entstanden. Nachbarn kommen ins Gespräch, Kinder spielen miteinander, jemand bringt Snacks mit. Über die Tage freundete ich mich sogar mit dem Hund der Nachbarn an: Bastian, ein großer Schäferhund, den ich während der Alarme streichelte – und der mich beruhigte. Die ersten Nächte sind schwer. Der Adrenalinschub nach jedem Alarm und die Schlaflosigkeit zehren an den Kräften. Die Stimmung ist zeitweise ganz unten. Eine Freundin und ich beschließen deshalb, etwas dagegen zu tun. Eines Abends stellen wir einen Tisch im Schutzraum auf, bringen Snacks und eine Flasche Wein mit und laden die anderen ein. Die kleine Geste hebt die Stimmung.

Manchmal fühlt es sich fast normal an: Die Sonne scheint, Cafés sind voll – bis zum nächsten Alarm.

Manchmal fühlt es sich fast normal an: Die Sonne scheint, Cafés sind voll – bis zum nächsten Alarm.

Der Alltag während eines Krieges........

© Juedische Allgemeine