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Braucht es jüdischen Feminismus?

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12.03.2026

12. März 2026 – 23. Adar 5786

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Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

Pro: »Die Öffnung von Talmud Tora für die Frau mündete im 20. Jahrhundert schließlich in die Ordination«, sagt Valérie Rhein

Und Gott schuf den Menschen (…) männlich und weiblich.» So skizziert die Tora in der ersten Schöpfungsgeschichte in Bereschit (1. Buch Mose 1,27) die Erschaffung des Menschen. Der Mensch, männlich und weiblich, ist somit frei von Hierarchien. Von einer Rangordnung zwischen den Geschlechtern ist erst am Ende des zweiten Kapitels von Bereschit die Rede, als Gott aus der Rippe des Menschen – Adam – eine Hilfe bildet.

Kann uns (inner-)jüdischer Feminismus zu einer Gesellschaftsordnung zurückführen, wie sie die erste Schöpfungsgeschichte überliefert, zu einem hierarchielosen Miteinander von Mann und Frau? Im Rahmen des orthodoxen Judentums und dessen Halacha vielleicht nicht. Aber er kann Feministinnen und Feministen auf dem Weg in diese Richtung unterstützen. Indem er beispielsweise biblische Frauenfiguren sicht- und hörbarer macht oder beim Studium der vielstimmigen rabbinischen Schriften kreative Optionen für eine gleichwertige Religionspraxis von Mann und Frau eröffnet.

Weshalb ist das so wichtig? Weil Aussagen wie «Ein Mann geht einer Frau bezüglich der Rettung des Lebens vor» (Horajot 3,7) im 21. Jahrhundert nach einer Einordnung verlangen. Weil mutige Frauen wie Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza als vertraute Vorbilder mehr bewirken können als überlesene Tora-Episoden.

Der Religionsphilosoph Yeshayahu Leibowitz (1903–1994) formulierte es im Kontext von «Talmud Tora» einst so: «Das Thema Frau und Judentum ist heutzutage wichtiger als alle politischen Probleme des [jüdischen] Volkes und seines Staats. Setzen wir uns nicht ernsthaft damit auseinander, ist das auf Tora und Geboten basierende Judentum in der modernen Welt ernsthaft bedroht.»

Talmud Tora, das Studium der Tora und der rabbinischen Schriften, gehört zweifellos zu den bedeutendsten Mizwot. Der Talmud befreite Frauen explizit davon (Kidduschin 34a). Während Jahrhunderten war das Studiergebot, von wenigen Ausnahmen abgesehen, deshalb Männern vorbehalten.

«Mutige Frauen wie Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza können als vertraute Vorbilder mehr bewirken als überlesene Tora-Episoden.»

«Mutige Frauen wie Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza können als vertraute Vorbilder mehr bewirken als überlesene Tora-Episoden.»

Erst mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Europa des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Nun erhielten alle Kinder, Jungen wie Mädchen, ein Stück Allgemeinbildung. Die damaligen Rabbiner erkannten, dass dies die jüdische Identität der jüdisch wenig gebildeten Mädchen empfindlich schwächen könnte. Sie setzten der säkularen Bildung deshalb jüdische Bildung entgegen.

Seit Rabbi Eliezer in der Mischna (Sota 3,4) einst eindringlich davor warnte, Frauen zu unterrichten, ist viel passiert. «Wo ein rabbinischer Wille war, war ein halachischer Weg», pflegt Blu Greenberg, die heute 90-jährige Gründerin der Jewish Orthodox Feminist Alliance........

© Juedische Allgemeine