Wenige Juden, viele Debatten |
09. März 2026 – 20. Adar 5786
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Wenige Juden, viele Debatten
Jüdisches Leben pendelt seit 1989 zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Eine Begegnung mit dem früheren Dissidenten, Aktivisten und Publizisten Konstanty Gebert
An einem Samstagmorgen in Warschau ist jüdisches Leben erstaunlich unspektakulär. Kein Pathos, keine Inszenierung, keine Nostalgie. Konstanty Gebert, Journalist und eine der zentralen Stimmen des polnisch-jüdischen Diskurses, geht zu Fuß in die Synagoge. »Es ist banal«, sagt er. »Nichts besonders Aufregendes.« Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe: Jüdisches Leben in Polen existiert – klein, fragmentiert, widersprüchlich, aber ganz real.
Rund 9000 Menschen identifizierten sich bei der letzten Volkszählung als ethnisch jüdisch – in einem Land mit 38 Millionen Einwohnern. Es ist eine Zahl, die das Paradox jüdischer Existenz in Polen auf den Punkt bringt: demografisch marginal, politisch irrelevant – und doch ständig Gegenstand öffentlicher Projektionen, Ängste und Debatten. »Es gibt mehr Buddhisten in Polen als Juden«, sagt Gebert trocken. »Aber jüdischer Einfluss beschäftigt bis heute die Fantasie vieler.« Und damit bleibt die »jüdische Frage« erstaunlich präsent.
Seit dem 7. Oktober ist der latente Antisemitismus salonfähig geworden.
Seit dem 7. Oktober ist der latente Antisemitismus salonfähig geworden.
Warschau verfügt heute über vier Synagogen: eine orthodoxe, eine von Chabad, die beiden anderen gehören reformorientierten Gemeinden. Viele Jüdinnen und Juden bewegen sich bewusst außerhalb institutioneller Strukturen, andere lehnen sie ganz ab. Gebert bezeichnet sie fast schon liebevoll als »Groucho-Marxisten« – Menschen, die sich als jüdisch verstehen, aber keinem Klub angehören wollen, der sie aufnehmen würde.
Hinzu kommt eine schwer bezifferbare Gruppe jener, die zwar jüdisch sind, es aber nicht wissen. Gemeint sind die Kinder und Enkel von Überlebenden, deren Familiengeschichte im Kommunismus verschwiegen wurde. Diese Dunkelziffer entzieht sich jeder Statistik und prägt dennoch die Gegenwart.
»Es gibt mehr Buddhisten in Polen als Juden. Aber jüdischer Einfluss beschäftigt bis heute die Fantasien.« Konstanty Gebert
»Es gibt mehr Buddhisten in Polen als Juden. Aber jüdischer Einfluss beschäftigt bis heute die Fantasien.«
Institutionell, so Gebert, stehe die jüdische Infrastruktur heute besser da als je zuvor seit 1968, als ein angeblich »antizionistischer« Aktivist die Auswanderung von etwa 15.000 Juden erzwang und........