Worte wiegen schwer |
07. Mai 2026 – 20. Ijar 5786
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Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört
Journalisten stoßen in ihrer Arbeit immer wieder auf Fragen, die sich nicht allein mit dem Bemühen um die größtmögliche Neutralität beantworten lassen. Schon die Abwägung, was überhaupt veröffentlicht gehört, folgt ethischen Prinzipien, die Redaktionen von Fall zu Fall neu beurteilen müssen. Orientierung bietet dabei der sogenannte Pressekodex, eine freiwillige Selbstverpflichtung der Medien. Darüber hinaus schützt das deutsche Recht die Pressefreiheit – aber auch das Persönlichkeitsrecht von Menschen, über die berichtet wird. Ein Interessenskonflikt, der manchmal sogar vor Gericht geklärt werden muss.
Beim Nachdenken über die Frage, was die Presse darf oder sogar muss, lohnt sich auch der Blick in die jüdische Ethik. 1873 erscheint Chafetz Chaim. Darin beschäftigt sich Rabbiner Israel Meir Kagan – der später nach seinem Hauptwerk selbst der »Chafetz Chaim« genannt wird – mit den religiösen Gesetzen der »Laschon Hara«, der üblen Nachrede, und der »Rechilut«, dem Weitertragen von Informationen zwischen Menschen. Kagans Grundthese ließe sich vielleicht so zusammenfassen: Worte wiegen schwer – und müssen verantwortungsvoll behandelt werden.
Was ist die Absicht der Nachricht, ihr Kontext und der Nutzen?
Ein Motto, das man wohl heute noch an einer Journalistenschule lehren könnte. Das Werk ist auch sonst für die Beschäftigung mit journalistischen Grenzfällen hochinteressant, da er die feinen Unterschiede bei der Weitergabe von Informationen bewertet. Kagan fragt nicht nur, ob etwas wahr ist, sondern auch: Was ist die Absicht der Nachricht, ihr Kontext und der Nutzen? Wie wird es formuliert?
Würde ein Journalist die Regeln des Chafetz Chaim konsequent befolgen, bliebe die Zeitung wohl leer.
Würde ein Journalist die Regeln des Chafetz Chaim konsequent befolgen, bliebe die Zeitung wohl leer.
Eins sei vorangestellt: Würde ein Journalist heute die Regeln des Chafetz Chaim verinnerlichen, bliebe die Zeitung wohl leer. Denn der Autor verbietet es unter zahlreichen strengen Bedingungen, über andere zu sprechen (und ausdrücklich auch zu schreiben). Kagan hat in seinem Werk jedoch nicht die Welt moderner Medien im Sinn, sondern wohl eher sein belarussisches Schtetl Radun, in dem ein Gerücht über das angeblich unkoschere Verhalten eines Fischverkäufers dazu führen könnte, dass er seinen Stand aufgeben muss.
Im Chafetz Chaim geht es um Fehlverhalten nach dem jüdischen Religionsgesetz und die Frage, ob darüber zwischen Menschen gesprochen werden darf. In der heutigen........